MATERIAL (2009)
    Grand Prix FID Marseille

    Dokumentarfilm, D 2009, 166 Min., HDCAM/Digital Betacam
    sw/Farbe, 16:9 pillar box


    Zur DVD finden Sie hier: Edition filmmuseum 56
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    Man kann sich die Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen.

    Der Film MATERIAL enthält Beobachtungen, Szenen, Fragmente, Geschichten und Vorgänge. Bilder von den späten achtziger Jahren in der DDR bis in die unmittelbare Gegenwart des Jahres 2008 in Deutschland. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft spiegeln darin einander. Es ist mein Bild.
    (Thomas Heise)


    Buch, Regie Thomas Heise Kamera Sebastian Richter, Peter Badel, Thomas Heise, Jutta Tränkle, Börres Weiffenbach Schnitt René Frölke Ton Uve Haussig, Jürgen Schönhoff, Robert Nickolaus, Maxim Wolfram Mischung Robert Jäger Musik Charles Ives; Musiktitel: Orchester Set Nr. 2 Mitwirkende Fritz Marquardt, Karl Kneidl, Matthias Stein, Jochen Ziller, Heiner Müller, Stefan Lisewski, Kirsten Block, Günter Schabowski, Jörg Kretzschmar, Marina Farschid, Egon Krenz, Udo Jahn, Gerd Krenz, Siegfried Eisermann, Herbert Schuh, Hans-Joachim Gaedicke, Bernd-Detlef Höhne, Ullrich Hönnicke, Volker Wetzel, Wolfgang Ernst, Michael Richter, Günter Krause, Marianne Birthler, Falko Pick, Heidrun Pick, Konrad Roock, Roland Maier u.v.a. Produktion Ma.Ja.De. Filmproduktion GmbH, Leipzig; in Co-Produktion mit: Thomas Heise und Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF), Mainz; in Zusammenarbeit mit: Arte Deutschland, Baden-Baden Produzent Heino Deckert Co-Produzent Thomas Heise Redaktion Doris Hepp Drehzeit ab 1988 Drehort Halle/S. Böllberger Weg, Kino 188, Berlin, Bertolt-Brecht-Platz, Berliner Ensemble, Volksbühne, Alexanderplatz, Friedrichshain Mainzer Straße, Französische Straße, Palast der Republik, Volkskammer, Berlin-Hessenwinkel, StVE Brandenburg, JVA Brandenburg, Markranstädt Uraufführung 12.02.2009, Berlin (IFF – Forum) Kinostart 11.05. 2009 Festivals Berlinale 2009, Visions du Réel Nyon 2009, Vancouver IFF 2009, FID Marseille 2009 (Grand Prix Int. Comp.), Viennale 2009 Vertrieb Deckert Distribution

    Presse


    … Gebannt schaut man auf die sozialen Prozesse überall in der Welt und vergisst dabei nur zu oft, wie politisiert zumindest die eine Hälfte Deutschlands noch vor zwanzig Jahren war. Eine hölzerne Treppe in Berlinale-Rot am Potsdamer Platz erinnert daran. Eine Treppe so hoch, dass man einen Blick über die Berliner Mauer werfen könnte, die allerdings nur noch als Spur, als Vertiefung in den glatten Steinplatten des Platzes vorhanden ist, während ihre reale Existenz den Gang in die Unsichtbarkeit antreten musste, die letzten Krümel als Kunstobjekt an die Souvenirjäger verkauft wurden.
    Mit jenem politisierten Deutschland, kurz DDR, beschäftigt sich Thomas Heise in seinem Film MATERIAL. Der Name ist Programm, tatsächlich montiert Heise von vor 20 Jahren gedrehte Szenen aneinander, gibt ihnen eine Ordnung. Gleich die zweite Sequenz zeigt einen verzweifelt schreienden Mann während der Räumung besetzter Häuser in Halle. Er sinkt vor einem Wasserwerfer in die Knie und brüllt immer wieder: „Hört doch auf“. Aber die Wasserwerfer, die institutionelle Gewalt bleibt gleichgültig gegenüber seinen Schreien, hat kein Gesicht, nur Metall, das sich unerbittlich weiter schiebt. Es ist ein Einzelner gegen die Staatsmacht, ein Einzelner, der nichts ausrichten kann und der Film weist anschließend den Weg zurück in die Utopie vom Staat aller für alle, die mit der Wende verschwunden ist.
    Im gesellschaftlichen Umschwung wurden wiederum zuallererst die Sichtbarkeiten neu geregelt. Die Gruppen formten ihre Stimme und verbreiteten sie über die Medien. Die Strafgefangenen, die hilflos fordern entlassen zu werden, weil sie an den Umwälzungen vor den Mauern mitarbeiten wollen, die Wärter im Strafvollzug. Jeder bekommt seine fünf Minuten Redezeit. Es wird debattiert, applaudiert und gepfiffen und alles findet in der Öffentlichkeit, vor der Kamera statt. Ein Volk erhebt seine Stimme(n). In L`ENCERCLEMENT, einem Dokumentarfilm von Richard Brouilette der sich mit dem Aufstieg des Neoliberalismus beschäftigt, beschreibt Noam Chomsky noch die Angst der Eliten in den 1970er Jahren angesichts der Bürgerrechtsbewegungen. Der Wunsch aller mitzubestimmen, kann jenen, die gleicher sind, einfach nicht gefallen. Und MATERIAL bringt ein hochpolitisiertes Deutschland 1988/89 zur Anschauung, in dem Utopien noch nicht lächerlich, sondern der Plan für die Zukunft waren. Auch wenn Egon Krenz bei einer Kundgebung verkündet, er habe tausende von Briefen erhalten.
    Und wie banal erscheinen die Bilder derjenigen Filme, die sich an das klassische Hollywoodkino anschließen, angesichts der Verbindungen zu einer gewesenen Realität voller Möglichkeiten wie in MATERIAL

    Artechoc spezial, 19.2.09

     


    … Den Blick vor die eigene Haustür wagten nur zwei Filme, und auch die nur sehr mittelbar; wobei Thomas Heises ‚Material’ rasch zu einem ‚der’ Geheimtipps des Programms avancierte. Heise präsentiert übrig gebliebenes Bildmaterial in Gestalt freier Assoziationen als Bewusstseinsstrom, dessen Schwerpunkt auf der Zeit der ostdeutschen Revolte vor 20 Jahren liegt: Der Zuschauer sieht Heiner Müller bei Theaterproben, steht mitten zwischen DDR-Demonstranten, beobachtet eine Arbeiterversammlung kurz vor dem Mauerfall. Das verbindende Element ist der historische Moment, in dem sich die Geschehnisse noch im Fluss befinden und vieles möglich erscheint. Aus dieser Bewegung dessen, was sonst starr und für alle Zeiten fixiert erscheint, ergibt eine enorme Sogwirkung, die den Film einzigartig macht: eine Darstellung von Geschichte, in der nichts als gegeben hingenommen werden muss und das Politische in status nascendi zu sehen ist, das seltene Dokument dessen, dass jeder Mensch Material ist, aber immer auch Gestalter sein könnte. Im Vergleich dazu erscheint Hans-Christian Schmids ‚Die wundersame Welt der Waschkraft’ völlig unpolitisch. Der saturierte Blick des Regisseurs ist nicht offen wie bei Heise, sondern er weiß offenbar immer schon, was er zeigen will – Selbstkritik und Neugier fehlen, zu eins ist der Film mit sich selbst.
    Rüdiger Suchsland, FILM Dienst Nr. 6/2009

     


    Die Geschichte ist ein Haufen – Schock der Wende in einer Doku von Thomas Heise
    Züge gehören zu den Konstanten in den Filmen von Thomas Heise. Die S-Bahn, die sich zwischen Häuserwände drängt. Bahndämme, Eisenbahnbrücken, junge Leute, die sich in Zugtoiletten rasieren; hell erleuchtete Wagons, die durch ein schemenhaftes Berlin rasen. Heises Züge führen ein Eigenleben inmitten seiner Filme. Sie haben einen Ausgangspunkt und ein Ziel – und behaupten damit eine Ordnung, die es nicht gibt. Nicht in Heises Filmen. Nicht in der Geschichte. “Man kann sich die Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen”, sagt seine Stimme zu Beginn seines Dokumentarfilms “Material”. Der Titel ist auch eine Referenz an Heiner Müllers Wort vom “Aufenthalt im Material”. Man sieht ihn einmal in Heises Film, inmitten einer umnebelten Tischrunde in den letzten Tagen des Berliner Ensembles, DDR. Fritz Marquardt sitzt da, 1988 Regisseur von Müllers “Germania Tod in Berlin”, Schauspieler gesellen sich hinzu. Alle rauchen. Heise, damals Regiemitarbeiter am BE, nahm durch den Zigarrendunst hindurch das Schweigen einer Versammlung auf, die um die eigene Agonie zu wissen schien.
    “Material” versammelt Bilder aus den Jahren 1988 bis 2008. Nicht alles hat Heise selbst aufgenommen. Die Bilder, schreibt Heise, “belagern meinen Kopf”. Es sind keine Reste, es sind Hauptsachen. Heise etikettiert nicht, schon gar nicht chronologisch. Schon in “Vaterland” (2002) schickte Heise den Zuschauer in einen Zeitstrudel, der Schwindel verursachen konnte. Seine skizzenhaften Porträts junger Leute in den Jahren nach der Wende (“Neustadt”, 2000) folgten ebenso wenig einer Dramaturgie, in der Menschen Absichten und Ziele unterstellt werden, auch wenn sie keine haben. In den letzten Jahren nähern sich Heises Filme seiner eigenen Geschichte, die bisher nur als Unterströmung präsent war.
    “Material” zeigt Menschen im Schockzustand. In all den Doku-Soaps, die den Herbst 1989 inzwischen bis zur Unkenntlichkeit illustriert haben, kommt dieser Zustand nicht vor. Heises Film lässt ahnen, dass der Schock des Zusammenbruchs für einen Moment alles außer Kraft setzte. Es bleibt die Starre, die zwanghaft aufrecht erhaltene Routine, die Verleugnung dessen, was passiert. Bei den Abgeordneten der letzten Volkskammer ebenso wie bei den Inhaftierten im Gefängnis Brandenburg. Es ist dabei völlig unwesentlich, ob sich aus den Gesichtern (Schabowski, Krenz) und den Auftritten der Ablauf der Ereignisse rekonstruieren lässt oder nicht. Den Anspruch, zu informieren, mögen Fernsehredaktionen stellen. Heise unterläuft ihn.
    Im Dezember 1989 stellten sich im Gefängnis Brandenburg erst Wärter, dann Gefangene vor Heises Kamera. Manche brachen innerlich zusammen; andere forderten, da sich um sie herum alles öffnete, die sofortige Amnestie. Die Aufnahmen der Selbstdarstellungen jener Männer sind das Herzstück von “Material”. Heise gibt ihren Bekenntnissen und Versprechen mehr Raum, als den meisten Reden-Haltern in seinem Film. Vielleicht weil sich nur hier jenes Hoffnungsgefühl zeigte, das die anderen sich selbst suggerieren mussten. Am Ende explodieren Leuchtraketen im Gefängnis.
    Christina Bylow, Berliner Zeitung 14.2.2009

     


    Heise verknüpft Bilder, die er “rechts und links der Filme” zwischen 1988 und 2008 gedreht hat, bislang unveröffentlichte Szenen, Marginalien zum eigenen Œuvre und zur Zeitgeschichte, die sich, gebündelt, zu einer philosophischen Reflexion über deutsche Brüche und Umbrüche verdichten. Dabei werden die Sequenzen nicht, wie im Fernsehen meist üblich, zu einer flott geschnittenen, leicht bekömmlichen, möglichst unterhaltsamen Melange verrührt; im Gegenteil: Heise lässt sich Zeit, entfaltet Situationen und Atmosphären, stülpt Vergessenes, Verdrängtes oder nie Gewusstes nach oben. Die störrische Besessenheit, mit der Regisseur Fritz Marquardt am Berliner Ensemble bei der Inszenierung von Heiner Müllers “Germania Tod in Berlin” (1988) um ein einziges Wort ringt. Die gespannte Nervosität von Rednern, Fotografen oder Zuhörern am 4. November 1989, als auf dem Alexanderplatz die erste große freie Demonstration des DDR-Volkes stattfindet. Die Politbürogrößen, die von einer Sondertagung des SED-Zentralkomitees zu ihren draußen frierenden Genossen eilen und damals noch als Reformer bejubelt werden. Wärter und Gefangene des Zuchthauses Brandenburg, die im Dezember 1989 so offen wie nie zuvor und vermutlich auch nie danach über ihre Arbeit und ihre Lebensbedingungen sprechen. Ein Abgeordneter der Volkskammer, der sich in den letzten Tagen der DDR vor versammeltem Plenum als Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit outet und ausführlich die Gründe für diese Mitarbeit darlegt.
    In solchen Passagen wird Geschichte nicht auf das schnelle, bequeme Schwarz und Weiß, das “Hosianna!” und “Kreuziget ihn!” reduziert; vielmehr eröffnet sich ein Universum der Vernetzungen und Verstrickungen, und der Zuschauer bekommt eine Ahnung davon, wie weit das Feld zwischen Unschuld und Schuld, Anpassung und Widerstand, politischer Identifikation und systemkritischer Ablehnung sein kann. Nicht zuletzt erweist sich Thomas Heises “Material” als eine Beschwörung jenes Gefühls von Freiheit, das in der DDR zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1990 für ein paar Wochen von einem utopischen Traum zur greifbaren Realität geworden zu sein schien. Fast am Ende seines Films dokumentiert Heise dann aber auch den Schritt von der Freiheit ins Chaos: Er beobachtet die Uraufführung seines Films “Stau” (1992) in Halle, die Zerstörung des Kinos durch linke Autonome, den Angriff von rechten Randalierern, die Verstörung und Angst der “bürgerlichen Mitte”, die dem Krawall hilflos gegenübersteht.
    Dieses “Material” ist kein leicht zu fassender Stoff, zumal Heise sich jede verbale Kommentierung und Erklärung, jede zeitlichen Einordnung etwa durch Zwischentitel versagt. Die Zuschauer sollen sich durch Sehen ihre Erklärungen selber suchen: Gedankenarbeit im Brechtschen Sinne. Großes, dialektisches Kino.

    Ralf Schenk, Bundeszentrale für politische Bildung, 12. März 2009

     


    Es sind Reste, sagt er. Manche aber sind gar nicht übriggeblieben von Thomas Heises früheren Filmen, die haben noch nie zu etwas gehört. Es sind Notizen mit der Kamera. Andere schreiben Tagebuch, erklärt Heise, ich bin mit der Kamera losgegangen. Manchmal auch zur Arbeit.
    So entstand jene Szene, ganz am Anfang von „Material“ als ein Theaterregisseur vor dem Pappmodell der Bühne seines gleich zu inszenierenden Stücks sitzt. Sehr lange macht er das und beinahe stumm. Es ist 1988 und Fritz Marquardt, einer der wichtigsten Regisseure der DDR, probt in Berlin Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“. Thomas Heise war lange Marquardts Assistent und er dachte, man sollte das einmal festhalten. Regisseur vor Bühnenmodell, kompromisslos nicht einverstanden. Als hinge am allerkleinsten Bühnendetail die ganze Welt. Macht sie auch, manchmal. Der Umgang mit den Kleinigkeiten verrät den Menschen. Und minimale Weichenstellungen führen auf unvermutete Geschichtsgleise. Seit 1989 weiß es jeder.
    Heise spricht schon den ganzen Nachmittag über seinen Film, oben im Forum-Büro überm Weinhaus Huth. Eigentlich hätte er statt des Vier-Stunden-Films lieber einen Acht-Stunden-Film gemacht. Schon wegen der Intensität. Und das ZDF möchte „Material“, wenn es ihn im Fernsehen zeigt, eine Stunde kürzen. Aber nicht mit ihm. Im Grunde ist Thomas Heise noch immer überrascht, dass die Berlinale seinen Film wollte. Diesen etwas anderen Geschichtsfilm. Nicht nur, dass er auf lauter Nebenbühnen spielt. Er erklärt auch nichts. Wer sich, das was er sieht, nicht selbst erklären kann, versteht ohnehin nichts. Das ist das Credo des Dokumentarfilmers Heise („STAU – Jetzt geht’s los“, „Mein Bruder – We’ll meet again“).
    Natürlich ist der Herbst 1989 die Mitte von allem. Und die Maueröffnung. Am 9. November, abends, geht Fritz Marquardt irgendwann einmal nachschauen, wo seine Schauspieler sind. Und die Bühnenarbeiter. Sie sind nicht zur Arbeit gekommen oder schon wieder weg. Im Westen sind die? Und dann laufen sie die Wilhelmstraße entlang, noch im Osten, sehen von fern die tanzenden Menschen auf der Mauer. So surreal war keines von Marquardts eigenen Theaterstücken. Der Regisseur sagte nur, sehr leise: „Gleich kommen die Panzer.“ Ein stärkeres Bild des Mauerfalls – es hat noch nie jemand gesehen – ist kaum denkbar. Heise, Jahrgang 1955, konnte es nie vergessen: Wie in einer Nacht die Erfahrung eines ganzen Lebens zerbricht. Marquardt, Jahrgang 1928, war fast noch ein Junge, als die Russen ihn nach Sibirien schickten. Und nun kamen ihre Panzer nicht.
    Was für Gedanken einem kommen beim Anschauen des eigenen Materials. Der Tag vor dem 9. November 1989 war der 8. November 1989. Das Datum sagt keinem mehr was, aber Thomas Heise ist damals vor das Gebäude des Zentralkomitees der SED gelaufen, wo das Politbüro gerade sich selbst umbildete. Doch vor dem ZK stand jemand, den hatte da noch nie jemand dort gesehen: die Parteibasis. Wären da nicht Thomas Heises Aufnahmen – man würde nicht glauben, wie beredt diese Basis sein konnte, wie böse, wie unversöhnlich. Seit jenem Abend hat Heise den Verdacht, die Maueröffnung am nächsten Tag könnte doch viel absichtsvoller, berechnender gewesen sein als bisher gedacht: Abschaffung der Parteibasis durch Grenzöffnung. Noch ein wenig länger an der Macht bleiben, statt sich von den eigenen Genossen wegfegen zu lassen.
    Die Geschichte, die große Absurdität. Immer wieder kehrt Heises Film zu Fritz Marquardt vorm Bühnenguckkasten zurück. Und plötzlich entlädt sich die unendlich spannungsvolle Halbstille in den zu probenden Satz eines Schauspielers: „Will er nicht aufstehen vor seinem König?“ – Marquardt und Heiner Müller (tiefer als der Schauspieler, abfallenden Tons): „Seinem KÖ-NIG. Noch mal.“ Ringsum zerfällt ganz leise die DDR, und dort auf der Probebühne beharren zwei Regisseure auf der einig richtigen Tonhöhe zweier Silben. Das Arbeiterkönigtum DDR geht zu Ende. Das Volk will auferstehen vor seinem KÖ-NIG.

    Tagesspiegel, 14.02.2009

     


    Die Entdeckung der Unvollständigkeit
    In „Material“ ist der Name Programm – der Film ist eine Bestandsaufnahme. Er zeigt Momentaufnahmen aus den Jahren vor und nach der Wende, durchsetzt mit Bildern aus der Gegenwart des Jahres 2008.
    Thomas Heise, selbst in Ost-Berlin geboren und aufgewachsen, beschäftigte sich mit der DDR schon in mehreren Dokumentarfilmen wie Eisenstadt oder Imbiß Spezial. Deren Veröffentlichung wurde ihm bis 1989 jedoch stets untersagt. Wirklich bekannt wurde Heise erst 1992, als er mit Stau – Jetzt geht’s los die rechtsradikale Jugendszene in Halle porträtierte und damit eine öffentliche Diskussion anstieß.
    Sein aktuelles Machwerk ist aus Archivmaterial entstanden, für das er bislang keine Verwendung fand.
    „Material“ rückt die Protestbewegung, die die Wende herbeidemonstrierte, in ein neues Licht:
    Es steht allerdings weniger der Untergang des Staates DDR im Vordergrund, sondern vielmehr das Aufbrechen von erstarrten Strukturen und die allerorts aufflammenden Diskussionen um notwendige und längst überfällige Reformen. Die Menschen, die in „Material“ zu Wort kommen, wollen keine Bananen: Sie fordern in bis dahin ungekannter Geschlossenheit eine Verbesserung der Verhältnisse. Während die erste Hälfte des knapp dreistündigen Films vor allem den Verfall in der DDR und die Stimmung der Bevölkerung im Herbst 1989 dokumentiert, widmet sich die zweite der Ernüchterung und den Spannungen der Nachwendezeit.
    Originalaufnahmen zeigen, wie Günther Schabowski in Berlin die aufgebrachten Massen zu beruhigen versucht; Kaum hat er zu sprechen begonnen, entlädt sich deren angestauter Frust: Schabowski wird gnadenlos ausgebuht. Das Volk ist nicht gewillt, sich länger hinters Licht führen zu lassen, sondern fordert einen Neuanfang. Es fällt auf, wie viele langjährige Parteimitglieder sich unter den enttäuschten Menschen finden: Die Protestbewegung hatte den Kern der Gesellschaft erfasst. Dabei offenbart „Material“, dass es Vielen vor allem um Freie Wahlen und eine Ablösung der korrupten und realitätsfernen politischen Führungsriege ging. Der Fall der Mauer war nicht unbedingt das wichtigste Ziel der Protestbewegung, sondern vielmehr der verzweifelte Versuch des Regimes, dieser den Wind aus den Segeln zu nehmen.
    Der Film beschränkt sich jedoch nicht aufs rein Politische: „Material“ führt den Zuschauer auch in eine Justizvollzugsanstalt in Brandenburg. Gefangene und Wärter sehen sich gleichermaßen als Opfer der Umstände: Während die einen sich vom Staat schikaniert und von der Entwicklung in der Außenwelt abgeschnitten fühlen, können die anderen ihre Überbelastung bei der Arbeit und die Anfeindungen in der Öffentlichkeit nicht länger ertragen.
    Heise gelingt es dabei, die sich überschlagenden historischen Ereignisse während der Wende gewissermaßen zu entschleunigen, indem er den Aufnahmen von Massenkundgebungen und Demonstrationen seine höchst individuellen Eindrücke der Wiedervereinigung entgegensetzt. Seien es Bilder von Proben des Theaterregisseurs Fritz Marquardt oder einer Bürgerversammlung in Köpenick: Die Kontinuität des Alltags der Menschen, die „Material“ zeigt, kontrastiert den enormen politischen und wirtschaftlichen Wandel, auf den die Wendejahre rückblickend oftmals reduziert werden. Auch die Durchmischung des historischen Filmmaterials mit vergleichsweise aktuellen Aufnahmen trägt dazu bei, das abstrahierte Bild der Wende, das uns die Medien heute vermitteln, zu entmystifizieren. Indem Heise sich auf die passive Dokumentation beschränkt und in erster Linie die Menschen zu Wort kommen lässt, zeichnet er ein differenziertes Stimmungsbild.
    Extrem lange Kameraeinstellungen und der äußerst spartanische Einsatz von Musik verleihen dem Film eine nüchterne und unaufgeregte Ästhetik; der Kommentar, der während der fast drei Stunden aus dem Off zu hören ist, ließe sich auf einem Bierdeckel aufschreiben.
    „Material“ verzichtet darauf, den Zuschauer mit erhobenem Zeigefinger zu belehren oder vermeintlich spektakuläre Enthüllungen zu präsentieren. Heise lässt die Bilder für sich sprechen und überlässt den Zuschauer seinen eigenen Gedanken. Die Langatmigkeit des Filmes ist wahrscheinlich der Preis für die Autonomie, die Heise seinem Publikum zugesteht – leichtverdauliche Kost ist „Material“ nicht. Doch gerade die Subjektivität und die minimalistische Machart des Films bewirken, dass er einen so intensiven Eindruck hinterlässt.

    Jonathan Diesselhorst, Cicero

     


    Frequenz der Implosion
    Ein Land stirbt – die erste Sequenz in Thomas Heises MATERIAL legt diese Annahme nahe: Kinder spielen im Dreck, daneben stehen alte Autos am Straßenrand. Die Häuser im Hintergrund wirken, als ob sie jeden Moment in sich zusammen fallen würden. Bilder, wie wir sie heute nur noch von TV-Reportagen aus dem tiefsten Osteuropa kennen; Halle an der Saale, Anfang der 90er Jahre.
    Der Begriff „Sequenz“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht korrekt, denn er suggeriert, dass die Bilder in fester Absicht, für diesen Film verwendet zu werden, entstanden. Alle Bilder in MATERIAL entstammen aber anderen Drehs, anderen Zusammenhängen, anderen erzählerischen Zwecken. Sie sind schlichtes Bildmaterial, „das übrig geblieben ist, das meinen Kopf belagert.“ So spricht es Thomas Heise zu Beginn aus dem Off.
    Thomas Heise, Jahrgang 1955, Professor für Film an der Staatl. Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, gilt heute als einer der profiliertesten Dokumentarfilmer Deutschlands. Seine Anfänge gestalteten sich dabei alles Andere als leicht: Das Studium an der HFF Potsdam-Babelsberg musste er 1982 infolge operativer Bearbeitung durch die STASI abbrechen und seine freie Autorenschaft wurde stets mit Aufführungssperren bestraft und das Werk von sieben Jahren ins Archiv verbannt. Erst 1987 besserte sich die Lage als ihn Dramaturg Heiner Müller und der rennomierte Dokumentarfilmer Gerhard Scheumann als Meisterschüler an die Akademie der Künste der DDR holten. 1990 folgte er Fritz Marquardt ans Berliner Ensemble und realisierte dort auch eigene Stücke. Theater und Dokumentarfilm durchdringen sich fortwärend in Heises Werk. Nicht selten fertigte er filmische Arbeitsdokumentationen an, bspw. zu Heiner Müllers „Zement“ 1994.
    (* Anmerkung) Das Kino nahm ihn jedoch stets als Dokumentarfilmer wahr, vor allem nach seiner gleichermaßen umstrittenen wie preisgekrönten Dokumentation STAU – JETZT GEHT’S LOS, in welcher er 1992 eine Gruppe junger Neo-Nazis aus Halle/Saale in ihrem Tun und Denken portraitierte. MATERIAL greift diesen Film und das dahinterstehende Phänomen einer ziel- und haltlos gewordenen Gesellschaft auf, in dem Aufnahmen von der Premiere in Halle/Saale enthalten sind, welche in Tumulten zwischen Autonomen und Rechten eskalierte und in der Ausfälle der anwesenden „Zivilgesellschaft“ gegen das Drehteam den Schluss bildeten.
    Es gibt in MATERIAL so etwas wie eine zentrale Choreographie, eine Frequenz bestimmter Orte und Personen, obwohl der Streifen eigentlich aus der völligen Formlosigkeit, aus einem Haufen Film in diversen Formaten entstanden ist: „Man kann sich die Geschichte länglich denken, sie ist aber ein Haufen.“ Dieser wortwörtliche Haufen; Heise in den Trümmern des Palastes der Republik, den Schuttberge füllen wo knapp zwanzig Jahre zuvor noch die Kameras ausgeschlossen wurden, damit sich Mitglieder der letzten Volkskammerbesetzung zu IM-Vorwürfen äußern können. Der Westen, „Spiegel-TV“ brachte 1991 eine dreiteilige VHS-Box heraus. Darauf: Die gesammelten Werke der Spiegel-TV-Kamerateams vom Herbst 89 bis Winter 90. Die Kameras des Westens kehren nach dem Schnitt in den Saal zurück, in dem nun viele Sessel leer sind. Dazu Wagners „Rienzi“. Heise verzichtet auf all das, verzichtet auf Pathos, auf Zeitenwende-Geschwurbel und auf die Zurschaustellung des Zerfalls. Fragmente eigener Erinnerungen, zufällig auch mit Bildmaterial unterlegt, statt morbidem Suhlen im Kadaver eines implodierten Staates.
    Wie es war, wie es ist, wie es nie gewesen sein wird – wie es nie war: 20 Jahre später ist der Blick auf die DDR, auf ihren Untergang, ihre Abwicklung entstellt und verunstaltet. Durch Ostalgie, durch Verklärung, durch Negierung. Die Blickrichtung auf den Osten, sie kommt heute aus dem Westen. Heises MATERIAL ist eine Art verschwundener Gegenschuss zur Sichtweise, dass 16 Millionen Deutsche nur Teil eines Unrechtsregimes waren; schwarz/weiß. Aber die Bilder, welche Heises Kamera im Herbst 89 aufnahm sind grau. Grau wie alles, was mit diesem Land zusammenhing. Im Laufe der eigenen Erinnerungs- und Rezeptionsarbeit von MATERIAL wird das wieder bewusst. MATERIAL ist ein 166 Minuten dauernder Resonanzraum, eine Erinnerungsfläche. W-Fragen sind omnipräsent im eigenen Kopf: Was wurde aus den spielenden Kindern, wo war man selbst zu diesem Zeitpunkt und wo wäre man heute, wäre die Realität eine andere? Aber W-Fragen werden immer von einem Standpunkt im jetzt und heute gestellt und so kommt MATERIAL nicht ohne die Gedanken an die Welt außerhalb des Kinosaals aus. Eine Welt, in der der Osten immer noch der ärmste Teil dieses neuen, zwanzig Jahre alten Hybriden Bundesrepublik ist und in der Rechtphilosophen dazu aufrufen, das Grundgesetz auf dem Gebiet der verblichenen DDR nachträglich zur Abstimmung zu stellen. Solche Gedanken wirft Thomas Heises MATERIAL genauso auf, wie die Fragen nach der Vergangenheit und kommt damit im heute an anstatt im gestern zu verharren.
    Über zwei Stunden dauert diese Reise durch eine archivierte, jetzt wieder hervorgeholte und neu codierte Erinnerungslandschaft. Damit ist dieser Film vielleicht einer der wertvollsten Beiträge zu jenem Jahrestag im Herbst 09. Eine filmische Aufforderung, die eigenen Erinnerungswelten wieder zu individualisieren und damit die negierenden Blickwinkel von West nach Ost oder die ostalgische Verklärung zu ersetzen. Zwanzig Jahre danach ist ein guter Zeitpunkt, um sich mit der eigenen Erinnerung auseinander zu setzen und Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen, die eigene und die kollektive. Damit ist MATERIAL auch ein Beweis für den unschätzbaren Wert, den das Kino hat: Als einzigartiger Ort, an dem Menschen kollektiv zu Erinnerungs- und Denkarbeit angeregt werden. Dabei ist das Alter unbedeutend, da MATERIAL als Dokument, als rohe, unbearbeitete Bilderwelt auch zukünftige Generationen dazu einlädt, sich mit diesem Material und seiner Geschichte zu befassen, darin zu verweilen und eigene Schlüsse zu ziehen.

    Manuel Schubert, filmanzeiger.de

     

    (* Anmerkung: Hier irrt der Autor. Gemeint sind entweder der Film DER AUSLÄNDER, der während Heiner Müllers Inszenierung seines Stückes “Der Lohndrücker” 1987/88 gedreht wurde, oder der Autor meint den Film “Halle 4 Straße 13″ von Ronny Tanner (3sat 1995), der die Arbeit an meiner Inszenierung von Heiner Müllers Stück ZEMENT zeigt.)


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