SONNENSYSTEM (2011)

    Dokumentarfilm, 100 Min., HD-Cam
    Blu-Ray über fatzer@snafu.de
    Der Film erscheint auch als DVD in der Edition Filmmuseum.


    Presse: 

    Bert Rebhandl im Tip 21/2011: siehe unten
    Variety LA by Robert Koehler
    Der Freitag
    von Matthias Dell

    Eine neue Besprechung finden Sie hier: filmering.at


    Santa Cruz, 2912 Meter

    Blanquito, 839 Meter


     

    “Sonnensystem” ist ein Film über das Verschwinden. Er erzählt vom Alltag der indigenen Gemeinschaft der Kollas von Tinkunaku in den Bergen Nordargentiniens. Er erzählt von Ramona und Viviano im hoch gelegenen Santa Cruz und in Blanquito im Tal und vom taubstummen Fortunato und von Luis Familie, und von Soto dem Hirten, von Cecilia und Bernardo, dessen Traktor sich überschlug, und von Guido dem Kind, das den Menschen aus dem Lehm ritzt, von Gott und vom Fasching den alle feiern, und von den fließenden Wassern. Der Film zeigt Begegnung ohne Kenntnis der Sprache des andern. Eine Erzählung ohne Worte vom Kennenlernen und einander Sehen.

    Ausschließlich über Bilder, ohne jedes Interview oder Kommentierung nähert sich der Film den Menschen dieser kleinen Gemeinde, folgt der Wanderung von Viviano und Ramona vom Tal in das dreieinhalbtausend Meter hoch gelegene Dorf Santa Cruz, wo sie den Sommer verbringen bis der irgendwann einsetzende Herbstregen sie wieder hinabsteigen lässt nach Rio Blanquito. Mit den religiösen Kollas lebend, zwischen alten Riten und hereinbrechender Moderne, in der grandiosen Landschaft der Yunga und Quechua erzählt der Film vom Alltag des Verschwindens eines indigenen Volkes. Dies irae.

    „Solar System“ is a film about disappearance. It is a portrait of daily life in the indigenous community of the Kollas in Tinkunaku in the mountains of northern Argentina. It tells the story of Ramona and Viviano in the valley of Blanquito and at high altitude in Santa Cruz, of the deaf Fortunato and of Louis’ family, of Soto the shepherd, and of Cecilia and Bernardo whose tractor turned over, of Guido the child who carves men out of clay, of God, of the carnival which everybody celebrates, and of the flowing of the waters. The film shows a meeting without knowing the language of the other, a story of getting to know and seeing each other without words.

    Non-verbally, exclusively through images the film approaches the people of a small indigenous Kolla community. We accompany the seasonal tramp of Viviano and Ramona from the valley up to the village of Santa Cruz, 3000 meters above sea level, where they spend the summertime until the autumn rain makes them go back to Rio Blanquito. Living with the Kollas, inbetween the old rites and the irruptive modernity, in the grandiose landscape of Yunga and Quechua, the film narrates the day-to-day disappearence of an indigenous people. Dies irae

    “Sistema Solar” es un retrato de la vida diaria en la comunidad indígena de los kollas en Tinkunaku, un pueblo en las montañas del norte de Argentina. Narra las historias de Ramona y Viviano, que viven al ritmo de las estaciones del año en las montañas de Santa Cruz y el valle de Blanquito; de Fortunato el sordomudo y de la familia de Luis; de Soto el pastor y de Cecilia y Bernardo, cuyo tractor volcó; de Guido, el niño que graba hombres en el barro; de Dios, del carnaval que celebran todos y de las aguas que corren. La película muestra un encuentro en el que se ignora el idioma del otro: es un relato sobre conocerse y percibirse mutuamente sin palabras. Y sobre la desaparición cotidiana de un pueblo indígena. Dies irae.


    Regie, Buch Thomas Heise Kamera Robert Nickolaus, Jutta Tränkle, René Frölke Schnitt Trevor Hall Ton René Frölke, Robert Nickolaus, Thomas Heise Mischung Robert Jäger Mitwirkende Gemeinde der Kollas in Tinkunaku, Argentinien Produktion Thomas Heise in Kooperation mit dem Goethe-Institut Buenos Aires (Dank an Gabriela Massuh und Inge Stache). Mit Unterstützung des Filminstituts am ZKM Karlsruhe Drehort Tinkunaku Argentinien Länge 100 min. Format HD-Cam Sprache weniges indigen gefärbtes Spanisch


    Bert Rebhandl im Tip 21/2011, Berlin
    Erdzeitalter
    Thomas Heise zeigt in Sonnensystem das Leben in einer abgeschiedenen Gebirgsgegend Argentiniens. In der unwirtlichen Welt des argentinischen Nordens können die Menschen es sich nicht leisten, zimperlich mit ihren Tieren umzugehen. Sie fesseln ihnen die Beine, werfen sie zu Boden und brennen ihnen Zeichen in die Haut, wenn diese noch eine Weile zu leben haben. Aber auch eine Schlachtung zeigt Thomas Heise in seinem neuen Film „Sonnensystem“ und die Kastration eines Stiers in allen Details. Es sind anstößige Bilder für einen Blick, der an zivilisatorische Grenzen gewöhnt ist. Doch genau diese sind hier noch ganz durchlässig, bei indigen Bewohnern in der Region Tinkunaku. Es ist eine abgeschiedene Welt, die Heise zuerst im Winter (Landschaft: braun) und dann im Sommer zeigt (Landschaft: sattes grün). Es ist eine überwältigende Szenerie, die allerdings nicht zum Leben einlädt, allenfalls zum Bestaunen. Die Menschen, von denen Heise erzählt, aber leben dort. Für sie sind die Berge, die Almen, der Nebel, die Flüsse ihre ganz normale Umgebung, sie müssen hier sehen, dass diese Welt nicht aus dem Gleichgewicht gerät, deswegen opfern sie vor einer Schlachtung noch ein paar Kleinigkeiten in ein eigens ausgehobenes Erdloch.
    Thomas Heise hat mit „Sonnensystem“ die denkbar weiteste Abkehr von seinen bisherigen Stoffen vollzogen. Keine deutsche Gegenwart mehr, keine Vergangenheit, die nicht vergeht, sondern ein Sprung in eine fremde Kultur, in der bei Heise kaum gesprochen, nur getan wird. Diese Konfrontation mit einer keineswegs idyllischen, aber tendenziell erhabenen Vormoderne ist filmisch charakterisiert durch eine distanzierte, panoramatische Fotografie, in der die Leute oft ganz klein werden und sie wird in eine Perspektive gerückt durch die letzte Einstellung, eine lange, großartige Kamerafahrt durch die urbanen Quartiere, die als einzige Alternative (und unausweichlich scheinende) Zukunft für die Leute von Tinkunaku erscheinen muss. „Sonnensystem“ ist ein stiller, mächtiger Film, dessen geistige Heimat irgendwo zwischen Werner Herzogs „Fata Morgana“und Claudia Llosas „Madeinusa“ liegt. Herausragend: 3 Punkte


    SonnensystemSonnensystemSonnensystemSonnensystemBilder (c) Thomas Heise

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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