GEGENWART (2012)

    Dokumentarfilm, 65 Minuten, HD CAM, D 2012



    GEGENWART erzählt in Bildern ohne Worte, was mit uns geschieht.
    In pictures without words GEGENWART tells the story of what happens to us.


    Das hatte ich nicht erwartet, und blieb mit offenem Mund. In der kurzen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, als die Arbeit überhand nahm. Gesprochen wurde wenig. Es gab nichts zu sagen. Es geschah. Ich verfolgte beobachtend die einzelnen Schritte des Vorgangs und sah, wie die Arbeiter jeden dieser Schritte gehen. Ich war interessiert an der Sprache ihres Körpers im Lärm der Maschine, ihrem Atem. Ich sah die Bewegungen, routiniert, ohne Überflüssiges, den Produktionsabläufen optimal angepasst. Die Spannung im Körper. Der Arbeiter vor der Aschemühle wie ein Tänzer oder ein sehr speziell exerzierender Soldat Seine Arbeit, sein Tanz, wurde von einer Kamera überwacht, das Bild davon in die Zentrale übertragen und aufgezeichnet. Das Überraschende, die Endlosigkeit, der stetige Nachschub, dem nicht zu entgehen war, nie eine Pause, niemals  Stille, kein Moment, in dem ein Mensch zur Ruhe kommt. Und ich bemerkte, wie ich mich zu gewöhnen begann. Die gleichmütige, fließende Bewegung des Handrückens wenige Zentimeter über der Asche, die knisternden Knochen. Die Reparatur des Ofens bei laufendem Betrieb zum Jahreswechsel nach Mitternacht. Die Konsequenz, das Offensichtliche, das mit uns geschieht.Wirtschaft Horatio, Wirtschaft!

    No me lo esperaba y quedé con la boca abierta. En el breve lapso de tiempo entre Navidad y Año Nuevo, cuando el trabajo se volvió excesivo. Se hablaba poco. No había nada que decir. Las cosas sucedían. Yo observaba atentamente cada uno de los pasos y veía cómo los llevaban a cabo los obreros. Me interesaba el lenguaje de sus cuerpos al compás del ruido de las máquinas, su respiración. Veía sus movimientos, rutinarios, sin nada superfluo, perfectamente adaptados al proceso de producción. La tensión de sus cuerpos. El obrero ante el molino de ceniza, semejante a un bailarín o a un soldado haciendo ejercicios especiales. Su trabajo, su danza, era vigilada por una cámara y la imagen transportada a la central donde era grabada. Lo sorprendente, lo infinito, el continuo suministro del que  era imposible escapar, nunca una pausa, nunca silencio, ni un momento de descanso. Y yo notaba cómo me iba acostumbrando. El imperturbable y fluido movimiento del dorso de la mano a pocos centímetros encima de la ceniza, el crujir de los huesos. La reparación del horno durante su marcha poco después de la medianoche del Año Nuevo. La consecuencia, la evidencia de lo que sucede con nosotros. Economía, Horacio! Economía!


    Buch und Regie Thomas Heise Kamera Robert Nickolaus Ton Dietmar Künze Mitarbeit Phillip Diettrich, Eduard Stürmer, Bettina Büttner, Philipp Ernst, Alina Schmuch Mischung Sven Piesker Schnitt Mike Gürgen Produktionsleitung Marcel Neudeck Redaktion WDR/Arte Sabine Rollberg Produzentin Meike Martens


    PRESSE

    Thomas Heise filmt das ewige Goldene Zeitalter in einem Krematorium: Die Särge stapeln sich in die Höhe, die Aschemühlen laufen heiß. Auf dem Arm des Technikers: Life is a bitch. “Bitches” sind auch die Leichen, mit Pampers und Schläuchen im Bauch: einmal Asche, kann man hier nicht mehr oft genug putzen. Um diese unbesiegbare, lustige “Gegenwart” der Toten zu filmen, muss man ein genialer Surrealist sein, wie Buñuel einer war und Heise einer ist.
    Philipp Stadelmaier, Süddeutsche Zeitung 21.3.2013

    Bert Rebhandl im Tip Berlin Online, 20.3.2013
    Die Verbrennung von Leichen ist ein schwieriges Geschäft. Das wird in Thomas Heises Dokumentarfilm “Gegenwart” deutlich, der einerseits eine Studie in Effizienz ist, andererseits eine Untersuchung über die Reste, die der Tod lässt: Assoziationen und Asche, aber auch ein Ausfluss aus den Särgen, dem man keineswegs mit zu viel Scheuermittel beikommen soll. Heise hat im Rhein-Taunus-Krematorium in Dachsenhausen gedreht. Er hat sich dabei so diskret wie möglich verhalten; alles, was nach einer Story aussehen könnte, ist aus “Gegenwart” verbannt. Zu sehen und zu hören sind Abläufe, Räume, Bildschirme, Leute. Geredet wird kaum. Dadurch bleibt einerseits Zeit für Fragen, die man sich selber stellen mag: Wie entstehen eigentlich solche Betriebe? Warum verlaufen Rohre so und nicht anders? Helfen Handschuhe gegen Leichengeruch? Doch irgendwann erschöpft sich der dokumentarische Lakonismus in “Gegenwart”, und trotz der kurzen 65 Minuten verfestigt sich der Eindruck, dass Thomas Heise hier zwischen Vergänglichkeitsmeditation und Bildungsfernsehen nicht ganz die Ebene gefunden hat, die es ihm erlaubt hätte, das konzeptuelle Interesse, das er mit der musikalischen Rahmung bekundet, auch zu realisieren.
    tip-Bewertung: Zwiespältig

    Christina Nord auf taz.de, 22.03.2013
    Am unteren Rand ein rotes Lodern
    ESSAYFILM Er findet Bilder, keine Begriffe: Der Berliner Regisseur Thomas Heise hat seinen neuen Film “Gegenwart” in einem Krematorium gedreht und öffnet damit einen ganz eigenen Assoziationsraum
    Den Anfang machen Bilder der Kälte. Ein Schneetreiben mit unscharf gefilmten Flocken, es sieht fast aus wie eine pointillistische Etüde in Weiß und Grau. Danach ein Stoppelfeld, schneebedeckt, schmutzig-strohfarben ragen die Getreidehalme aus dem Weiß auf. Danach eine Wand von Tannen, oben kein Horizont, unten keine Wiese, rechts und links keine Lichtung, die Äste tragen schwer am Schnee. Eine Krähe schreit.
    Damit setzt Thomas Heises neuer Film “Gegenwart” ein, der weniger eine Dokumentation über ein Krematorium als eine essayistische Annäherung an ein solches ist. Der Schnee, die Krähe, das abgeerntete Feld und der düstere, undurchdringliche Tannenwald rufen unweigerlich Assoziation von Ende und Unheil auf, allegorisch ist der Winter dem Tod verbunden, um den es in einem Krematorium zwangsläufig und auf einer sehr konkreten Ebene geht, und zugleich kann man diese Kältebilder als Kontrastmittel zu den Hitzebildern begreifen, von denen es in “Gegenwart” einige gibt. Nicht fehlen etwa darf die Einstellung auf den Sarg, der auf einer Schiene in die Brennkammer gleitet, sich in der Hitze selbst entzündet, während sich die Schließtür der Kammer langsam senkt und damit den Blick auf das Innere nach und nach versperrt, bis nur mehr am unteren Rand das rote Lodern zu sehen ist und irgendwann auch das nicht mehr.
    Starker Gegensatz
    Ein starker Gegensatz tut sich zudem zwischen den Winterbildern und der Koda des Films auf, für die Heise das Gelände des Krematoriums verlässt. Er dreht während einer Karnevalssitzung, von der man im Abspann erfährt, dass sie vom Berufsverband der Bestatter ausgerichtet wird. Es sind Einstellungen auf Reihen roter Stiefel, in die Luft gerissene Beine, feixende, schwitzende Gesichter, dazu extradiegetische Musik: “Wenn im sonnigen Herbste die Traube schwillt”, eine Ode auf den Rhein aus dem Jahr 1902.Zwischen winterlicher Strenge und karnevaleskem Überschuss liegen etwa sechzig Minuten, in denen Thomas Heise und der Kameramann Robert Nickolaus das Innere des Krematoriums erkunden, ohne es zu erklären. “Gegenwart” verschafft zwar Zutritt ins Reich der Feuerbestatter, doch man bleibt darin ein Fremder, denn so wenig gesprochen wird, so wenig wird erläutert. Wie die komplexe, mehrteilige, über Erdgeschoss und Keller verteilte Ofenanlage funktioniert, wer hier arbeitet und wer welche Funktion innehat – all das bleibt ein wenig schemenhaft.
    Je mehr Filme Thomas Heise dreht, umso deutlicher tritt zutage, wie wenig ihm daran liegt, etwas – eine Jugendkultur, einen Funktionsablauf, eine geschichtliche Begebenheit – zu erklären, aufzuschlüsseln und dadurch der Einordnung anheimzustellen. Heise macht seinen Zuschauern die Welt nicht entzifferbar; er bewegt sich dort, wo man Bilder, aber noch keine Begriffe findet, wo man hinguckt und doch nicht umhinkommt zu bemerken, dass es um die Lesbarkeit des Gesehenen heikel bestellt ist.
    Hinzu tritt ein Assoziationsraum, der, gerade weil Heise ihn so lapidar eröffnet, perplex macht. Ins Auge springt zum Beispiel die Glatze eines der Angestellten, es ist ein junger Mann, und er trägt ein Polo-Shirt, das von Thor Steinar stammen könnte. Er macht sich im Inneren eines Ofens zu schaffen, in einer klaustrophobischen Kammer, deren Wände und Streben kaum mehr Platz lassen, als dieser Mann im Umfang misst. Manchmal guckt die Kamera von oben auf seinen unbehaarten Kopf, und dieser direkte, fast dreiste Blick auf die Glatze lässt gar keine andere Assoziation zu, als an einen Skinhead zu denken, an die Alltäglichkeit rechter Subkultur, die Heise mit “Stau” (1992) und die auf “Stau” folgenden Filme erkundet hat. In einer anderen Einstellung ist eine mehrfarbige Skizze der Ofenanlage zu sehen, zwischen dem Gewebefilter und dem Rauchgaskühler ist ein Apparat eingetragen, über dem der Schriftzug “Zyklon” steht. Dass man, sobald es in Deutschland um Krematorien geht, an die nationalsozialistische Vernichtungspolitik denkt, ist fast ein Reflex. Heises Film kitzelt ihn hervor, indem er die Schautafel ins Bild rückt. Er tut dies aber mit einer gewissen Nonchalance, so dass er es auch in diesem Fall dem Zuschauer überlässt, was der aus der fragmentarischen Information machen möchte. Ob er sich dem vom Wort “Zyklon” hervorgerufenen Vergangenheitsschauder anheimgibt oder sich dagegen verwahrt, ist seine Entscheidung.
    Die Rezension ist die gekürzte Fassung eines Buchbeitrags für “Über Thomas Heise” von Matthias Dell und Simon Rothöhler (Verlag Vorwerk 8)

    Lukas Foerster im Perlentaucher Kulturmagazin, 20.03.2013

    Nur ein paar weiße Zähne in der weiß-gräulichen Asche, mehr bleibt nicht von einem Menschen. Für die Mitarbeiter eines kleinen Krematoriums im Ruhrgebiet ist dies Routine. Auch zwischen Weihnachten und Neujahr ist bei ihnen Hochbetrieb. Wie ein letzter, stummer Zeuge folgt die Kamera akribisch dem automatisierten Hightech-Prozess und den Bestattern, deren Bewegungen von der Maschine bestimmt werden. Mit dem Tod selbst kommen sie kaum in Berührung. Nur bei der nochmaligen Kontrolle der Identität der Verstorbenen vor dem verbrennen ist er präsent.Mit “Gegenwart” kehrt Thomas Heise zu seinen Wurzeln und einer fast vergessenen Tradition im DEFA-Dokumentarfilm zurück: Filme über die Welt der Arbeit, in die auch Heises Vorbild Jürgen Böttcher oft eintauchte und der Entfremdung des Einzelnen nachspürte. “Wie redet der Staat mit den Bürgern” taufte Heise die Reihe, die er in den 80ern mit “Das Haus” und “Volkspolizei” begann. Die heutige Gesellschaft hat den Tod aus ihrem Bewusstsein verbannt. Heise rückt ihn ins Zentrum. Ein Unbequemer ist er geblieben.
    Zitty, 21.03.13, Katharina Dockhorn

    Tres documentales de primera linea
    …Por su parte, Consecuencia (Gegenwart, en el original) quizá sea la obra maestra de Thomas Heise, el cineasta de la ex República Democrática Alemana, bien conocido en Buenos Aires gracias al DocBuenosAires y a la retrospectiva que el año pasado le dedicó la Sala Leopoldo Lugones. Con el estilo seco, frío y quirúrgico que lo caracteriza, el autor de Material se adentra en la cotidianidad de un pequeño crematorio alemán, en los agitados días que van desde Navidad hasta Año Nuevo, unas fechas habitualmente festivas pero a las que la muerte (“una costumbre que tiene la gente”, como decía Borges) no tiene demasiado en cuenta. Vieja empresa familiar, el crematorio no tiene tregua y sus empleados se ocupan de todos los detalles, desde acondicionar los cajones y reparar y mantener los hornos hasta barrer prolijamente el polvo que se acumula a su alrededor y que no puede ser otra cosa que las cenizas sobrantes de la tarea.
    Lo que impresiona del film de Heise no es solamente la maestría con que el realizador va describiendo todas estas labores sin recurrir a un solo diálogo y mucho menos aún a una voz en off. Paulatinamente, sin subrayados, ni música ni golpes de efecto de ningún tipo, Gegenwart pone al espectador frente a una instancia suprema, como es la muerte. Y lo hace de una manera tan sintética como contundente, dando cuenta de lo que queda de uno después de toda una vida de afanes y pasiones.
    Al mismo tiempo, con pequeños, sutiles detalles –los planos de la chimenea y las distintas cámaras incineradoras; los carteles indicadores de palancas y botones (entre ellos uno que anuncia “gas”)–, el film se abre a otras interpretaciones, a una polisemia impensada. Crematorios, se sabe, hay en todo el mundo. Pero cuando se trata de un crematorio alemán cuesta no pensar en los que desarrolló el Tercer Reich para poder llevar a cabo lo que el nazismo denominó “la solución final”. A una escala infinitamente menor, el film de Heise reconoce en ese modesto crematorio de provincia una eficiencia que es difícil no asociar con la de otros tiempos, a través de ese pequeño ejército de operarios disponiendo rápida y competentemente de los cuerpos, mientras sus colegas oficinistas se ocupan de carpetas y papeles, de esa burocracia ineludible que Hannah Arendt, en su crónica del juicio a Adolf Eichmann, calificó como “la banalidad del mal”…
    Pagina 12, Buenos Aires, 20.11. 2012


     

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