KINDER. WIE DIE ZEIT VERGEHT. (2007)
    Nominiert für den Europäischen Filmpreis
    Silberne Taube, Dok Leizig

    Dokumentarfilm, 86 Min., 16mm, s/w
    DVD: Good Movies


    Was wird aus dem Traum der Busfahrerin Jeanette? Was machen ihre Kinder Tommy und Paul? Ist das Leben jetzt im Griff? Was meint Jeanettes kleiner Bruder Tino mit „Durcheinander“? Der Schneemann hat keinen Mund. Aus dem laufenden Leben. Eine Beunruhigung.

    “Children. As Time Flies” is the third film in Thomas Heise’s “Jammed”-Trilogy about families from Halle-Neustadt, Germany. Now the director focuses on one family: Jeanette and her two sons Paul and Tommy, her parents and her youngest brother Tino.
    Everybody seems to go their own way: Jeanette finally has a daughter, a lasting relationship and the job as a bus driver she always wanted. Paul shines in school and football while his brother Tommy rather fights his way through life and struggles with staying in school. He broke all contact with his mother. Jeanette’s parents moved to the countryside and communicate rarely with their daughter. With them lives Tino, who identifies as Nazi but can’t talk to his father about it. Yet he regularly meets with Tommy.
    Today’s footage is intercut with material from 1999 and creates a picture of speechlessness and stagnation. In its cool black and white images “Children. As time flies.” explores the situation of society today. How do you live?



    Regie, Buch Thomas Heise Kamera Börres Weiffenbach Kamera-Assistenz Helge Haack Schnitt Karin Schöning, Trevor Hall Ton Uve Haussig Mischung Robert Jäger Mitwirkende Jeanette Gleffe, Tommy Gleffe, Paul Gleffe, Heinz Gleffe, Ingrid Gleffe Produktion Ma.Ja.De. Filmproduktion GmbH, Leipzig; in Co-Produktion mit: ö-Filmproduktion Löprich & Schlösser GmbH, Berlin / Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Leipzig; in Zusammenarbeit mit: Westdeutscher Rundfunk (WDR), Köln Produzent Heino Deckert Co-Produzent Katrin Schlösser Herstellungsleitung Meike Martens Redaktion Beate Schönfeldt, Jutta Krug Produktionsleitung Sebastian Gassner Produktions-Assistenz Ronny Winter Drehzeit 06.02. – 01.03.2007 Drehort Halle, Leipzig, Markranstädt, Bad Dürrenberg, Borna Uraufführung 30.10.2007, Leipzig (Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm) Kinostart 25.09.2008 Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin


    Filmstill



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    (c) Uve Haussig



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    Presse

    Mit intimen Interviews und stimmungsvollen Aufnahmen der sächsischen Industrielandschaft erzählt Thomas Heise in seiner Dokumentation von einer Familie aus Halle-Neustadt.
    Jeanette wirkt mit ihren 24 Jahren schon reichlich abgeklärt und vom Leben gezeichnet. Seit sie sich allein um ihre beiden Kinder kümmern muss, fühlt sie sich nicht mehr wohl in ihrer Plattenbausiedlung. Was die Zukunft ihrer Söhne angeht, zeigt sich die junge Frau pragmatisch: Ihren Ältesten Tommy, ein typisches Problemkind, hat sie schon abgeschrieben. Den Jüngeren, so sagt sie optimistisch, kriegt sie aber noch hin.
    Wie schon in Stau (1992) und Neustadt (1999) porträtiert Heise in Kinder. Wie die Zeit vergeht. Menschen aus Halle-Neustadt, einem Stadtteil, der nach der Wende von einer enormen Bevölkerungsabnahme und starkem Verfall geprägt war. Auf das als Prolog übertitelte Gespräch folgt ein achtjähriger Zeitsprung nach vorne: Jeanette arbeitet inzwischen als Busfahrerin, hat wieder einen Mann und nun auch eine Tochter. Um Jeanette soll es im restlichen Film aber nicht gehen, sondern um die jüngeren Familienmitglieder. Da wäre etwa Tommy, der Schwierigkeiten in der Schule hat und seine Freizeit mit einem Knasti verbringt, Paul, der ganze Stolz der Familie, aber auch Jeannettes kleiner Bruder Tino, der mit seiner rechten Gesinnung bei den Eltern aneckt.
    Obwohl in Kinder. Wie die Zeit vergeht. eine Familie im Mittelpunkt steht, gibt es nur wenige Momente eines familiären Miteinanders. Heise widmet sich den Menschen getrennt, führt mit ihnen persönliche Gespräche, hält ihren Alltag in kurzen und prägnanten Einstellungen fest und zeigt, wie einsam und verletzlich sie eigentlich sind. Diese Darstellung einer Familie aus der „Unterschicht“ ist der sensationalistischen Vorgehensweise verbreiteter Doku-Soap-Formate wie Frauentausch genau entgegengesetzt. Statt möglichst spektakuläre Konflikte zu provozieren, beschäftigt sich der Film mit der Befindlichkeit der Einzelnen. So wird zwar immer wieder das schwierige Verhältnis zwischen Tommy und seiner Mutter oder Tino und seinem Vater in den Interviews angesprochen, zu einer Konfrontation der verfeindeten Parteien kommt es aber nicht.
    An einigen Stellen hört man Heise aus dem Off eine Frage stellen, ansonsten hält sich der Regisseur, selbst bei kontroversen Äußerungen, zurück. Nie greift er als moralische Instanz in das Geschehen ein. Man könnte dabei von einer wohldosierten Empathie gegenüber den Porträtierten sprechen, die weder pathologisiert noch alles menschlich nachvollziehbar machen will. Einen etwas bissigen Kommentar zu Nazi Tino kann sich Heise aber dennoch nicht verkneifen: Auf die abfällige Äußerung des Jungen über das „Durcheinander  verschiedener Völker“ schneidet Heise eine Einstellung, die Tino beim Abendessen in einem chinesischen Restaurant zeigt.
    Angesichts der sachlich aufgenommenen Interviews könnte man meinen, Kinder. Wie die Zeit vergeht. sei eine unterkühlte Schilderung ostdeutscher Tristesse. Zwar zeigt auch Heise hässliche Plattenbausiedlungen und behandelt Themen wie Arbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus, jedoch findet er einen einprägsamen filmischen Stil, der über bloßen Realismus hinausgeht. Fast die Hälfte des Films über zeigt er romantische Aufnahmen von verfallenen Gebäuden oder der traumhaft wirkenden Industrielandschaft bei Nacht. Dem scheinbar trostlosen Leben der Menschen in Halle-Neustadt verleiht Heise eine ganz eigene Schönheit. Die Entscheidung, den Film in Schwarzweiß zu drehen, führt zu einer weiteren Stilisierung des Gezeigten.
    Auch auf der Tonebene schleichen sich mal auffällige, mal subtilere Mittel ein, die mit einem vermeintlichen Realismus brechen. Das an mehreren Stellen künstlich eingesetzte Vogelgezwitscher konfrontiert den Alltag der porträtierten Menschen mit der klischeehaften Vorstellung einer Idylle. Wie in seinem bei der diesjährigen Berlinale uraufgeführten Kompilationsfilm Material verfremdet Heise das Dokumentarische seines Films an einer Stelle mit der artifiziellen Musik des englischen Komponisten Charles Ives. Eine Silvesterfeier der Jungen wird so in eine unwirkliche Gegenwelt verlagert. Heises Weigerung, eine Entwicklung der Jungen oder gar ein hoffnungsvolles Ende zu konstruieren, spiegelt sich dann auch programmatisch im Titel von Ives Stück wieder: „The Unanswered Question“.

    Kritik von Michael Kienzl


    Thomas Heise ist mit seinen Dokumentarfilmen der maßgebliche Chronist der Nachwendezeit in Ostdeutschland geworden. Seine kontrovers diskutierten Porträtfilme “Stau” und “Neustadt / Stau – Der Stand der Dinge” hat er mit “Kinder. Wie die Zeit vergeht” fortgesetzt. Ins Zentrum rückt hier die dritte Generation der Familie aus Halle-Neustadt, die der Regisseur seit Anfang der 90er Jahre begleitet. Heises Filme sind keine Frage-Antwortspiele, sondern Bestandsaufnahme der Gegenwart, ein Speicher von hochverdichteter Atmosphäre, an Wertung nicht interessiert. Die Lebenswege seiner post-proletarischen Figuren fängt Heise dabei mit einer elegischen Formengewalt ein, die mitunter an Viscontis Bilder vom Niedergang des europäischen Bürgertums erinnert, nur das hier der Stoff der Geschichte in den Plattenbau-Ruinen der DDR-Gesellschaft gefunden wird. In Heises jüngstem Film “Material” (Kinostart: 14. Mai) gibt es ein vielschichtiges Supplement zu dieser Trilogie zu bewundern. Zu sehen ist der von aufgebrachten linken Jungendlichen belagerte Kinosaal in Halle, in dem gerade die Premiere des ersten Films läuft. Fensterscheiben gehen zu Bruch, agitiertes, durchaus angstvolles Herumrennen der Film-Protagonisten im Kinosaal, die angesichts der buchstäblich in die hinterste Ecke gedrängten, erschreckten Zuschauer smart um den Metadiskurs ringen: “Ihr seid ja noch dümmer als wir”.
    Text: Robert Weixlbaumer

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