MEIN BRUDER. WE’LL MEET AGAIN (2005)
    Duisburger Filmwoche: Preis des Goethe-Instituts

    Dokumentarfilm, D 2005, 57 Min., 35mm, Farbe, 1:1.66
    DVD-Verleih über Goethe-Institut


    Ein kurzer Besuch bei meinem großen Bruder. Der wohnt jetzt nicht mehr in Berlin. Mein Bruder ist seit einem Jahr in Frankreich. Er lebt jetzt bei Micha und Yvonne unterm Dach. Micha ist Kardiotechniker, Yvonne ist es gewesen. Yvonne nimmt sich jetzt Zeit für die Kinder. Und für die kleine Pension, die von Micha finanziert wird. Durch seine Arbeit auf Herzstationen in der Schweiz und in Deutschland. Mein Bruder kocht für Micha und Yvonne und für die Sommergäste. Jetzt ist Oktober.

    Regie, Buch Thomas Heise Kamera Peter Badel Kamera-Assistenz Florian Wimmer Schnitt Gudrun Steinbrück, Axel Weber Ton Uve Haussig Post-Production Mike Gürgen Musik Frank Schleinstein, Nino Sandow, Christoph Waury, Felix Steinbach Ton-Bearbeitung Sven Piesker Schnitt Gudrun Steinbrück Mischton Martin Steyer Mitwirkende Andreas Heise, Michael Papstein, Vanina Perles u.a. Produktion Ma.Ja.De. Filmproduktion GmbH, Leipzig; in Co-Produktion mit: Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF), Mainz; in Zusammenarbeit mit: Arte Deutschland, Baden-Baden / YLE Teema, Helsinki Produzent Heino Deckert Redaktion Doris Hepp, Leena Pasanen Produktionsleitung Meike Martens Produktions-Assistenz Sebastian Gassner, Edda Rosenfeld Drehzeit Oktober 2004 Drehort Bugarach (Südfrankreich) Uraufführung 15.02.2005, Berlin (IFF-Forum) Verleih Freunde der Deutschen Kinemathek Kinostart 10.11.2005 Festivals Berlinale 2005, Visions du Réel Nyon 2005, Duisburger Filmwoche 2005 (Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts), One World HRFF Prague 2009, Festival dei Popoli Florence 2009, Italy

     

    Andreas: Da komme ich in ein Dorf von hundertzwanzig Einwohnern. Wer rechnet denn damit, dass da noch irgendwas sexuelles passieren könnte. Keiner. Dann hat sich die Dame aufgetan. Da hab ich gedacht am Anfang, na ja, ein bisschen ficken ist in Ordnung. Und auf einmal bin ich verknallt. Ich weiß ja auch nicht, ganz komisch. Am Anfang war es ganz toll: Kam nachts, ging nachts, alles in Ordnung. Aber dann auf einmal wurde das intensiver.

    Halbnah. Innen. Tag. Frankreich, Bugarach, Küche des Presbytére. Andreas im Profil am Küchentisch. Auf dem Küchentisch Zigarettendrehutensilien und eine Bierflasche. Andreas stopft mit einem Brillenbügel eine selbstgedrehte Zigarette nach.

    Thomas off: Ich wollte mit dir über Micha reden.
    Andreas: Ja.

    Andreas setzt seine Brille wieder auf.

    Thomas off: Ich zeig dir was.

    Thomas legt ein Foto ins Bild, auf den Tisch. Andreas nimmt das Foto.

    Andreas: Oh. Das war auf irgendeinem Fasching. Ich schätze mal in der Charité. Kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Also ich weiß, dass wir da mal waren, aber was da sonst noch so war, das weiß ich nicht. Außer, dass ich wie immer ein Glas in der Hand habe. Und ‘ne Zigarette. Mann, wo hast du denn das her?
    Thomas off: Weiß ich nicht. Ich hab’s. Das seid ihr beide.
    Andreas: Ja, ja. Wir waren ja auch wie Latsch und Bommel immer. Wir waren zusammen.

    Andreas zündet sich die Zigarette an.

    Thomas off: Ich wollte wissen, wie du das machst, Andreas.
    Andreas: Das einzige, womit er mir geschadet haben kann ist, dass er mir meine Fischfangkarriere in der Murmansker Flotte versaut hat. Weil ich mich da mal beworben habe und nicht genommen worden bin. Ansonsten, was soll er mir denn…

    Andreas gibt sich Feuer.

    Andreas: Natürlich war es Verrat. Es ist immer Verrat, wenn man über Freunde sowas… Das haben wir schon als Kinder gelernt: Gepetzt wird nicht. Er hat gepetzt. Aber Scheiß drauf. Er hat’s mir gesagt, als ich ihn das erste Mal besucht habe nach dem Mauerfall. Da hab ich gesagt: „Ist gut, ein Grappa.“ Dann war’s erledigt. Und die Sache war für mich gegessen. Was sollte ich dazu weiter sagen? Es ist passiert, nicht mehr zu ändern…

    Thomas off: Verrat passiert nicht, den begeht man.

    Andreas greift nach der Bierflasche, öffnet sie.

    Andreas weiter: Sicher, das kratzt natürlich an seiner hoch revolutionären Rolle, denn Micha will die Weltrevolution mit dem Einkommen eines Kardiotechnikers. Das ist ja das, was er sich so vorstellt, aber… Ja mein Gott, ich weiß wie Micha ist. Das weiß ich nun seit dreißig Jahren. Das wird sich auch nicht mehr ändernund trotzdem ist er mein Freund. Das ist nun mal so. Also das…

    Er trinkt. Stellt die Flasche auf die Bank, auf der er sitzt.

    Nah. Insert. Innen. Tag. Das Foto auf dem Küchentisch. Auf dem Foto sieht man Micha mit Vollbart. Andreas sitzt auf dem Schoß von Micha, ein Bierglas in der Hand. Beide sind Anfang zwanzig.

    Andreas: Die Sache mit der IM Scheiße… Also mir hat er erzählt, er war auch mal so was wie ein IM und er hat auch mal so einen Bericht geschrieben. Ich weiß es nicht. Ich meine, Micha ist zumindest derjenige, den ich mir ausgesucht habe für mein letztes Jahr. Ich dachte ja, ich fahr hierher zum Sterben. Das ist ja nun erstmal Fakt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sich das so entwickelt, dass es mir gesundheitlich auf einmal so gut geht und so. Ich dachte eigentlich, das wird immer schlimmer und du wirst dann in die Kiste springen. Und dafür hab ich mir Südfrankreich ausgesucht. Also Micha, weil Micha hier ist. Ich hätte ja nie die Energie gehabt, mir hier selber was… aufzutun. Und Micha ist eigentlich auch davon ausgegangen, dass das hier mein letztes Jahr ist.
    Thomas off: Vielleicht hast du auch gedacht, du willst nicht mehr.
    Andreas: Ich wollte auch nicht mehr so richtig. Ich hatte ja auch keine Träume mehr. Du kannst hier hundert Jahre alt werden. So lange du Träume hast, lebst du. Wenn du keine Träume mehr hast, kannst du aufhören.
    Kannst du gleich… Buch zu, Schluss. Das ist schon so.

    Andreas nimmt die Bierflasche von der Bank, stellt sie wieder auf den Tisch.

    Thomas off: Setz dich mal richtig hin.

    Andreas setzt sich richtig an den Tisch, sitzt dann frontal zur Kamera.

    Andreas: Ich muss bloß immer aufpassen, dass Madame nicht sieht, dass ich hier vorn rauche und nicht am Kamin. Das ist immer sehr gefährlich.

    Andreas trinkt, sieht auf das Foto von ihm und Micha auf dem Küchentisch.

    Andreas: Das muss in ‘ner Zeit gewesen sein, wo wir noch in der Saarbrücker Straße in Berlin in der Kommune gewohnt haben.

    Nah. Innen. Tag. Küche. Andreas am Küchentisch.

    Thomas off: Micha hatte den Schlüssel zu meiner Wohnung.
    Andreas: Ja, ich weiß. Er hat ja dann auch über dich geschrieben ausreichend.
    Thomas off: Er hat geschrieben, dass er den Schlüssel meiner Wohnung jetzt hat. Und dass er die Gelegenheit nutzen wird.
    Andreas: Ich weiß. Ich hab das ja alles gelesen. Thomas, das war Scheiße, aber es ist nicht mehr zu ändern. Es ist passiert, nun musst du damit umgehen. Entweder sagst du: So, mit dir rede ich nie wieder und Schluss aus Feierabend. Oder du sagst: Na gut.
    Thomas off: Muss ich ja: Na gut.
    Andreas: Na ja.
    Thomas off: Kann ich auch.
    Andreas: Du stellst dich da so selbstgerecht hin, Thomas…
    Thomas off: Das ist nicht selbstgerecht.
    Andreas: Zum Beispiel, ich bin schlicht und einfach deswegen kein IM gewesen, weil sie mich nicht gefragt haben. Was wär denn gewesen, wenn sie mich bei der MITROPA… ? Ich hab das mal nachgesehen im Strafgesetzbuch. Das wären über zehn Jahre gewesen, die ich gekriegt hätte, wenn sie gesagt hätten: Na Herr Heise, wollen wir ins Zuchthaus Brandenburg gehen ? Oder reden sie ein bisschen mit uns? Jetzt ist es ganz einfach, zu sagen: Selbstverständlich, ich wär’ ins Zuchthaus Brandenburg gegangen. Da bin ich mir nicht so sicher. Ich war einfach nicht in der Situation. Bei ihm war’s vermutlich das erste Mal… Es ging das Gerücht in Berlin – Weißensee rum, das weiß ich von seinem Mittäter. Dass die alle gesagt haben: Der spitzelt jetzt. Weil, der ist früher rausgekommen als die anderen. Sein ehemaliger Mittäter ist jetzt Bezirksschornsteinfeger in Berlin – Weißensee und mit dem hab ich mal… Ich hab in Weißensee in so ‘ner Kneipe mal ausgeholfen und daher kannte ich die Typen alle. Das ist so ‘ne Truppe, die hießen „Die Bärtigen“. Zu denen gehörte Micha. Und die haben gesagt: Der ist nicht sauber, der hat gepetzt oder irgendwas. Weil Micha früher rauskam aus dem Knast. Damals wollte ich das nicht glauben.

    Pause. Dann dreht sich Andreas eine Zigarette.

    Andreas: Tja.
    Thomas off: Rauch nicht so viel.
    Andreas: Ja, ja.
    Thomas: Ist ungesund.
    Andreas: Gute Idee. Tommy, ich rauch seit 1964. Da werde ich wohl jetzt nicht damit aufhören.

    Nah. Innen. Insert. Tag. Ein Papier auf dem Küchentisch. Eine Kopie:
    „Bericht über die Einschätzung des IM Marcel Black Reg. Nr. 044/75. Nach einer Strafverbüßung von einem Jahr und sechs Monaten wegen Rowdytums wurde der IM im Frühjahr 1975 auf freiwilliger Basis zur Zusammenarbeit geworben und verpflichtet, nachdem seit Juni 1974 Kontakt bestand.“

    Andreas off: Dazu gibt es auch nichts weiter zu sagen.

    Nah. Insert. Tag. Ein anderes Papier:
    „Durch seine berufliche Tätigkeit lernte er im Sommer 1976 Heise Andreas kennen, in deren Folge er den Bruder des H., Heise Thomas, ebenfalls kennenlernte und mit einem umfangreichen Freundeskreis der Gebrüder Heise bekannt wurde, deren Vater der Prof. Dr. Wolfgang Heise, Lehrstuhlinhaber für Kunstgeschichte und Ästhetik an der Humboldt Universität Berlin ist.

    Nah. Innen. Tag. Küche. Andreas raucht, schweigt.

    Andreas: Thomas, wir haben ein einziges Mal richtig miteinander gesprochen, das war nach der Beerdigung von Wolfgang, wo wir in die Kneipe gegangen sind und uns ‘ne Pulle Rum auf den Tisch gestellt haben. Das war das einzige Mal, wo wir miteinander geredet haben, allerdings auch das erste Mal, wo wir richtig miteinander geredet haben. Und ansonsten kommst du und erzählst mir über Filme und ich hab nach drei Stunden alles wieder vergessen. Das ist so. Du lebst in einer völlig andern Welt. Ich auch natürlich. Wir leben in völlig verschiedenen Welten…

    Mit Andreas’ Zigarette stimmt etwas nicht.

    Andreas: So. Das war jetzt praktisch mal nichts hier. Dieses Zigarettenpapier ist eine bodenlose Frechheit.

    Andreas beginnt, sich eine neue Zigarette zu drehen.

    Andreas: Das war immer unser Problem, dass wir nie mit einander geredet haben, Thomas. Das ist nun mal so. Das ist nicht deine Schuld, das ist auch nicht meine Schuld, das ist eben so. Die einzigen Berührungspunkte, die wir hatten, waren politische. Dass wir in den meisten Sachen politisch überein gestimmt haben. Was ja bei den Jugendlichen heute überhaupt keine Rolle mehr spielt, aber bei uns war das ja damals alles ganz wichtig.
    Thomas off: Weiß ich nicht.

    Die Kamera schwenkt auf den Zigarettendrehapparat.

    Andreas off: Doch.

    Andreas holt die neue gedreht Zigarette aus der Maschine. Die Kamera schwenkt zurück auf sein Gesicht.

    Andreas: Ich bin von Anfang an in die Kneipe gegangen und du hast dich eben anders ausprobiert.

    Andreas zündet sich die Zigarette an.

    Andreas: Und Micha war eben einer, zu dem ich sofort Vertrauen hatte, der mir auch sehr sympathisch war, ganz klar. Hat ja auch so ‘ne Art, so ‘ne gewinnende, da hast du ja keine Chance.
    Thomas off: Stimmt.
    Andreas: Ja, ist so. Der betört alle. Wenn man ihn dann ‘ne Weile kennt, weiß man auch die Mechanismen, wie das funktioniert alles und wie er das macht. Und wenn er ausreichend betrunken ist, dann schafft er das auch alles wieder schön zu zerstören…

    Nah. Insert. Innen. Tag. Das Foto immernoch auf dem Küchentisch. Auf dem Foto Micha mit Vollbart. Andreas sitzt auf dem Schoß von Micha, ein Bierglas in der Hand. Beide sind Anfang zwanzig.

    Andreas off weiter: Im Gegensatz zu mir, wenn ich besoffen bin, sind für mich alle Menschen Brüder und wenn Micha besoffen ist, dann erklärt er allen, dass sie Unrecht haben.

    Andreas drückt die Zigarette aus.

    Andreas: Ansonsten fällt mir dazu eigentlich nichts ein…

    Er nimmt sein Bier.

    Andreas weiter: Bruder.
    Thomas off: Hast du noch’n Bier?
    Andreas: Nee, ist das letzte. Hab grade den Karton zusammengefaltet. Ich werde Vanina gleich mal in die Spur schicken.

    Andreas trinkt.

    Andreas: Die hat gestern nämlich auch schön zugelangt. Sie wollte noch einen Brief schreiben, ich geh schon ins Bett. Nun hat der Brief aber sehr lange gedauert, da hab ich mich sehr gewundert. Dann kam sie zwei Stunden später mit ‘nem Schlummertrunk noch in der Hand und hat sich noch zwei Joints reingezogen, und dann war wieder Drama.

    Pause.

    Andreas: Aber jetzt ist sie sozusagen meine Zukunft. Vielleicht. Ich weiß es nicht, Thomas. Also ich zieh mit ihr jetzt erstmal zusammen. Und wenn die Kacke platzt, dann nehm’ ich mir ‘ne Zahnbürste und zieh wieder weg. Was soll da weiter sein. Aber ich kann mir vorstellen hier für immer zu bleiben. Ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr nach Berlin. So. Gestern hab ich telefoniert mit Berlin, also mit der Kneipe, da kannst du bloß den Kopf einziehen und weg. Ist alles zu spät. Es geht allen schlecht, alle haben sie Streit, alle haben sie… Ach.  (10/1995)

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