IM GLÜCK (NEGER) (2006)

    Dokumentarfilm, D 2006, 87 Min., 35mm, s/w + Farbe


     


    Berlin. 1999 bis 2005. Es sind Kinder, die gerade erwachsen geworden sind. Verletzlich. Sven, Lena, Thomas, Stephan und Daniela. Es geht ums Leben. Die Nähe ist ungeheuer wie die Einsamkeit. Es ist alles zu sehen. Es gibt keine Interviews. Es gibt Vorgänge, Bilder, Texte, Briefe, Theater, Bitten, Verwaltungsakte, Blicke, Schwüre, Gesuche. Und einen Brief an mich.


     

    Regie, Buch Thomas Heise Kamera Peter Badel, Maxim Wolfram, Jutta Tränkle, Anja Simon, Thomas Heise, Sven Behrendt Schnitt Mike Gürgen Ton Jürgen Schönhoff, Jörg Kidrowski, Frank Bubenzer Musik Bendrik Muhs, Franz Schubert; Musiktitel: Adé, gesungen von Peter Anders Mitwirkende Sven Behrendt, Lena Lauzemis, Thomas Sobkowiak, Stephan May, u.a. Produktion Ma.Ja.De. Filmproduktion GmbH, Leipzig; in Co-Produktion mit: Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Leipzig / Arte Deutschland, Baden-Baden Produzent Heino Deckert Redaktion Beate Schönfeldt Drehzeit Februar 1999 – Dezember 2005 Drehort Berlin, Riesa, Stralsund Erstsendung am 6.3.2006 auf Arte, angekündigt mit einem nichtautorisierten falschen Filmtitel “Die ganze Zeit, die man erwachsen wird” Kino-Uraufführung 16.03.2006, Berlin, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz


     

    Auf dem Betonpfeiler unter einer Berliner U-Bahn-Trasse hat jemand eine Frage hinterlassen: “Was ist Zeit” steht dort in zerfließenden Großbuchstaben. Thomas Heise hält die Kamera lange auf dieses Bild, das immer wieder hinter den Passanten verschwindet. Irgendjemand weigert sich hier, Zeit als etwas Selbstverständliches anzusehen. Vielleicht bezweifelt er sogar, dass es sie gibt. Mag sein,dass gegen die überdimensionierte Bedeutung aufbegehrt wird, die etwas so Verfügbares wie Zeit bekommen hat. Von Thomas Heises Filmen sind keine Erklärungen, keine Geschichten, keine Klagen und Anklagen zu erwarten. Allerdings sind alle seine Filme Essays über die Zeit: über ihre Unfassbarkeit, Undurchdringlichkeit, amorphe Gestalt, die nur durch Wiederholungen sichtbar gemacht werden kann. Fünfmal, sechsmal, unzählige Male liest ein junger Mann einen Brief vor. Etwa zehn Jahre früher hatte er immer aufs neue eine Passage aus einem Stück von Heiner Müller wiederholt. Der Vorleser gehörte zu einer Gruppe junger Berliner, mit denen Heise als Regisseur am Berliner Ensemble in den 1990ern “Anatomie. Titus” inszeniert hatte. Ihre Bewegungen zwischen 1999 und 2005 zeichnet der Film nach, ohne sie zu Biografien zu fügen. Es sind nicht einmal Fragmente mit klaren Umrissen. Die kurzen Szenen mit offenem Ausgang stellen nichts nach, greifen nie voraus. Deshalb wissen wir am Ende auch nicht, ob Sven die Arbeit, die er beim Amt abgelehnt hat, nun doch annimmt, weil er sonst keine Sozialhilfe bekommt, oder ob er einen Ausweg aus dem Dilemma findet. Es ist auch nicht wichtig, das zu wissen. Heise begleitet seine Mitspieler wie ein entfernter Freund, der ab und zu teilnimmt am Leben der Anderen, seine Abwesenheit in langen Perioden des Lebens jedoch nicht leugnet. Was im Leben “Ereignis” genannt wird, erforscht Heise nicht näher. Aber er fixiert die Gegenwart an dem Punkt, an dem sie sich deckungsgleich mit den Koordinaten der Wirklichkeit zeigt. Wie in seinem 1984 in Ostberlin gedrehten Film “Das Haus” geschieht das auf einem Amt, das Leben verwaltet wie kein anderes. Heises Methode der stillen Beobachtung solcher “Vorgänge” ist dieselbe geblieben, nur ist sie diesmal legal. Das Sozialamt lässt sich zusehen bei der Belehrung, Verwaltung, Aufklärung des Bürgers. “Rechnen kann ich”, sagt die Beamtin nicht ohne Sympathie für Sven, der eigentlich zu nichts Lust hat, schon gar nicht dazu, für sechs Euro die Stunde im Garten zu arbeiten. “Sie leben in einem Fantasieland”, sagt die Beamtin. Sven möchte gern Marinesoldat werden. Zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt sind die Menschen, die Heise Einblick in ihr Leben gaben. Es wäre anmaßend, von einer Generation zu sprechen und ihr eine bestimmte Beschaffenheit zuzuordnen. Sven, Lena, Stephan und Daniele sind unentschlossen, abwartend, widersprüchlich, selten wütend oder traurig. Sie rasieren sich in Zugtoiletten, lesen Lautréamont; sie sitzen in Straßencafés, bauen Stockbetten ab. An den Wänden ihrer Zimmer hängen Bildposter von Paula Modersohn-Becker oder Urkunden der Bundeswehr. Niemand wird befragt, niemand gibt verbal Auskunft über sich. Heises Filme bewegen sich in einem stetigen Wechsel von Vor- und Rücklauf, sie sind weniger dem Erzählen als dem Denken und Erinnern vergleichbar. In einem Medium, das sich dem Linearen verschrieben hat, schichtet Heise Zeitebenen übereinander wie andere Leute Kompost. Oft nutzt er die Tonspur, um Vergangenes in die Gegenwart hineinzutragen. So fügt sich am Ende eine Geschichtslandschaft der Berliner Republik, in der fünf Leute die Zukunft suchen und stattdessen mitunter so etwas wie Glück erleben.
    Berliner Zeitung 20.03.2006 Christina Bylow


    In Thomas Heises eindringlichem Dokumentarfilm “Im Glück (Neger)” verlieren erwerbsbiografisch scheiternde junge Menschen mit der Sprache auch ihre UtopienIn unzähligen Anläufen versucht Sven einen Brief in die Kamera zu sprechen, die er vor sich aufgebaut hat. Immer wieder hebt er an, verhaspelt sich, bricht ab, beginnt erneut, um gleich wieder innezuhalten, verzagt den Kopf zu schütteln, ein paar Silben zu stottern. Quälende zehn Minuten dauert dieser Kampf mit den Worten; seine Botschaft fällt dann eher knapp aus: Sven warnt den Adressaten, ihn in irgendeiner Hinsicht zu benutzen – ohne dass der damit unterstellte Missbrauch genauer umschrieben würde.Thomas Heise setzt diesen Monolog ans Ende seines jüngsten Films und gibt damit das Gefühl des Vertrauensbruchs an die Zuschauer weiter – Misstrauen bleibt als dominante Stimmung vor und hinter der Kamera. Das war nicht immer so. Vor sechs Jahren hat der Film- und Theatermacher Heise mit Sven und vier weiteren Jugendlichen am Berliner Theater 89 Heiner Müllers “Anatomie Titus Fall of Rome” in Szene gesetzt. Der Kontakt zu den Darstellern blieb bestehen – Heise forderte sie in unregelmäßigen Abständen immer wieder auf, Fragmente aus ihrem Alltag preiszugeben oder sich selbst zu filmen.Sven kristallisierte sich dabei als Mittelpunkt dieser offenen Langzeitbeobachtung heraus. Seine Entwicklung seit 1999 stellt sich als eine Reihung von Irrtümern, enttäuschten Hoffnungen und Misserfolgen dar: abgebrochene Lehre, Verpflichtung zur Marine, aus der er nach wenigen Monaten in Unehren entlassen wird, verpfuschte Beziehungen, ergebnislose Wege zur Agentur für Arbeit und schließlich zum Sozialamt. Die Jahre von der späten Kindheit zum Ende der Jugend verstreichen – jene “Zeit, die man erwachsen wird” (Sven). Das Kommunikationsdefizit wird größer. Sven bleibt das unscharfe Gefühl, ausgenutzt zu werden. Mit noch nicht dreißig Jahren zieht er verbittert Bilanz: “Es gibt einfach nichts mehr, was jetzt noch kommt.”
    Selten war anhand eines Dokumentarfilms der Verlust der Sprache als Analogie für Heimat- und Utopieverlust so nachvollziehbar wie in “Im Glück (Neger)”. Der merkwürdige Doppeltitel umschreibt genau jenen Prozess der Verdrängung: aus einem infantilen Glücksgefühl wird schließlich das selbst gewählte Außenseitertum. “Ich bin ein Neger”, sagte Heiner Müller 1985 bei der Verleihung des Büchner-Preises und verwies damit wie vor ihm Herbert Achternbusch und Bertolt Brecht auch auf Shakespeare und seinen “Othello”. Auch Müller-Freund Heise begreift sich qua seiner Künstlerrolle als jemand, der eine gesellschaftlich randständige Position einnimmt. Damit beansprucht er eine Verwandtschaft zu den Gescheiterten, die er in seinen Filmen porträtiert, obwohl er im Gegensatz zu ihnen noch über das Privileg der künstlerischen Artikulation verfügt. Noch konsequenter als in “Vaterland” (2002) oder in “Mein Bruder” (2005) verzichtet Thomas Heise in “Im Glück (Neger)” auf irgendwelche Orientierungshilfen. Die vielfältige Quellenlage lässt den Film bisweilen etwas sehr heterogen werden, fast könnte man sagen: sperrig. Niemals stehen aber die testamentarische Genauigkeit und der hohe dokumentarische Wert häufig ausgeklammerter Lebenswirklichkeiten außer Frage. Die medialen Multiplikatoren haben bislang wenig sensibel auf so viel Feinheit reagiert. Der deutsch-französische Kulturkanal Arte verlegte als Koproduzent die Sendezeit der Erstausstrahlung auf 1 Uhr in der Nacht und verkürzte den Titel auf “Im Glück”. Bei der Berlinale wurde der Film abgelehnt, und kein deutscher Filmverleih fand den Mut, Heises Film ins Programm zu nehmen.
    TAZ 16.3.2006 Claus Löser


    Blog der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 15./16.3.2006
    Sehr geehrte Damen und Herren, oder soll ich liebe Kolonialisten und Rassisten sagen? Mit Ekel muss ich feststellen, dass Ihr Haus auch zu der leider üblichen deutschen Mehrheit gehört, die Schwarze Bürger in Deutschland dem üblen Schimpfwort “Neger” aussetzen. Sie können sich Ihr ganzen humanistische und linke Gutmenschengehabe sonst irgendwo hinstecken, solange Sie mit Menschen so respektlos, grob und unhöflich umgehen. Wenn Sie das Herz und den Mut hätten, mit Betroffen zu sprechen, dann könnten Sie lernen, dass Sie sich wenig von prügelnden Skinheads unterscheiden, solange Sie den diskriminierenden rassistischen Kampfbegriff “Neger” unkommentiert weiter verwenden. Das Schutzmäntelchen der Freiheit der Kunst? Wenn es bei Ihnen schon Kunst ist, benachteiligte Minderheiten zu beschimpfen, dann sollten Sie sich bald einen Aufnahmeantrag bei der NPD besorgen. Ich denke wir können uns darauf einigen, dass ich die Verantwortlichen Ihres Sunbentionsbetriebs solange für Rassisten halte, wie sie weiter das Schimpfwort “Neger” für Ihre Machwerkchen verwenden.
    Mit wütenden Grüßen, G.T.

    Schon wieder??? Eine bemerkenswerte Lernresistenz zeigt sich da.
    Wie kommt man eigentlich dazu, schon wieder diskriminierende Schimpfworte groß in der Stadt zu plakatieren? Das ist nicht mehr von der Freiheit der Kunst gedeckt, sondern blanke Missachtung Schwarzer Deutscher und anderen Schwarzen die hier Leben. Interessant ist auch, wer die Definitionsmacht darüber hat, was “diskriminiert” und was nicht. Es sind sicher nicht die, die diskriminieren.
    Mit großer Wut, das unsere Würde in Deutschland schon wieder egal ist, C.C.

    Bevor wir uns mit den Schubladen in denen wir gelegentlich stecken auch noch die Köpfe einschlagen, mein Film, der heute 21.30 in der Volksbühne seine Kinopremiere haben wird heißt „Im Glück (Neger)“. Das eine ist vom andern nicht zu trennen. Ihre Würde ist mir nicht egal. Der Film ist nicht Missachtung noch Angriff auf irgendjemandes Würde. Ich lade Sie ein, ihn sich anzusehen, das zu überprüfen. Heute 21.30 in der Volksbühne, ab morgen 18.00 im Blow Up, und im Babylon Mitte; Samstag, Sonntag und Montag mit Publikumsgespräch nach der Vorstellung. Wenn sie möchten, ich werde da sein. Der Film erzählt von Sven,  Lena, Thomas, Stephan und Daniela, ihrem Erwachsenwerden in Berlin in einer Zeit sich beschleunigenden Umbruchs. Eine Geschichte der Desillisionierung und vom Verschwinden der Kraft. Ein Generationsbild, soweit ich es zu zeichnen vermag und davon verstehe. Die Aufnahmen dazu entstanden zwischen 1999 und 2005. Der Neger ist eine Rolle in einem Stück. 1999 habe ich mit Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren in Berlin -  Marzahn Heiner Müllers „Anatomie Titus Fall of Rom“ inszeniert. Die Rolle des Negers Aaron, hat damals Sven gespielt. „Ich spiel doch keinen Neger, war sein erster Satz“ zu dieser Besetzung, bis er die Figur und das Stück für sich entdeckt hat, in dem es um oben und unten geht, um Macht und Ohnmacht und nicht um Farben. Svens wichtigster Text in seiner Rolle, der Schlaf der Metropolen.

    AARON:

    “GRAS SPRENGT DEN STEIN DIE WÄNDE TREIBEN BLÜTEN
    DIE FUNDAMENTE SCHWITZEN SKLAVENBLUT
    RAUBKATZENATEM WEHT IM PARLAMENT
    MIT HEISSER WOLKE MIT GESTANK VON AAS
    HYÄNENSCHATTEN STREICHT UND GEIERFLUG
    DURCH DIE ALLEEN UND FLECKT DIE SIEGESSÄULEN
    DIE PANTHER SPRINGEN LAUTLOS DURCH DIE BANKEN
    ALLES WIRD UFER WARTET AUF DAS MEER
    IM SCHLAMM DER KANALISATION TROMPETEN
    DIE TOTEN ELEFANTEN HANNIBALS
    DIE SPÄHER ATTILAS GEHN ALS TOURISTEN
    DURCH DIE MUSEEN UND BEISSEN IN DEN MARMOR
    MESSEN DIE KIRCHEN AUS FÜR PFERDESTÄLLE
    UND SCHWEIFEN GIERIG DURCH DEN SUPERMARKT
    DEN RAUB DER KOLONIEN DEN ÜBERS JAHR
    DIE HUFE IHRER PFERDE KÜSSEN WERDEN
    HEIMHOLEND IN DAS NICHTS DIE ERSTE WELT

    Das Stück von Müller, welches sich wegen seiner präzisen Kraft und Aktualität zu sehen/lesen lohnt, ist eine Bearbeitung von Shakespeares Drama „Titus Andronikus“, dessen ursprünglicher Titel „Der Neger“ war. Beide Texte sind auch blutig, apokalyptisch. Müllers Fassung thematisiert die Auseinandersetzung zwischen erster und dritter Welt. Darum geht es im Stück, wenn auch schließlich schief. Wie auch die Wirklichkeit schief geht zwischen oben und unten. Wie man im Film sehen kann, der beides, Kunst und Alltagswirklichkeit einer heraufkommenden Generation miteinander verbindet, weil es voneinander nicht zu trennen ist. Das eigene Leben und die ganze Welt. Das zeigt der Film. Der mehr ist mehr als der hier beanstandete Begriff. Es geht ums Leben, nicht um Ideologie. Freundliche Grüße, Thomas Heise

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