DAS HAUS – 1984 (1984)

    Dokumentarfilm, DDR 1984, Staatliche Filmdokumentation (SFD)
    56 Min., 16mm, s/w, 1:1.33, D 2001 RBB, Digital Betacam

    DVD: edition filmmuseum Nr. 56

     

    Buch Regie Thomas Heise Kamera Peter Badel Schnitt Gisela Tammert Produktion Staatliche Filmdokumentation beim Staatlichen Filmarchiv der DDR.Nicht für öffentliche Vorführungen vorgesehen.

     

     

    Frontschweine des Banalen
    Die Dienst habende Angestellte der KWV (Kommunalen Wohnungsverwaltung) bäumt ihren von einem Blümchenkleid zusammengehaltenen, mindestens 200 Pfund schweren Leib abwehrend auf: Nein, keine Neuzugänge an Wohnraum, es sei nichts zu machen, gar nichts frei im nächsten Quartal. Und für nicht im Schichtbetrieb stehende Werktätige schon gar nicht! “Ihre Tochter ist nicht im Plan”, hält sie einer in Tränen ausbrechenden Mittfünfzigerin entgegen. Von der Tapete blickt grau in grau der Generalsekretär, eine antike Continental-Schreibmaschine und ein Stempelkarussell harren ihrer Benutzung. Sogar die Topfpflanzen lassen die Schultern hängen.
    Die Szene spielt sich 1984 im Berolinahaus auf dem Alexanderplatz ab, Sitz des Bezirksamtes von Berlin-Mitte. Jeden Dienstag und Donnerstag dürfen Bürger ohne Termin vorstellig werden, um ihre Sorgen und Nöte zu artikulieren; im Wohnungsamt, bei der Sozialfürsorge oder der Jugendhilfe. In jeder der mit einem Paternoster verbundenen Etagen die gleiche Konstellation: plastische Schilderungen von Ausnahmesituationen hier, schulterzuckendes Verweisen auf eingeschränkte Kapazitäten da.
    Hingegen begibt sich zur berühmt-berüchtigten “Abteilung Inneres” niemand freiwillig. Hier sitzt eine soeben “zugeführte Bürgerin”, die eine gänzlich unverständliche Geschichte zum Besten gibt; irgendwie geht es um Passierscheinfragen und Arbeitsplatznachweise. Eintragungen in Karteikarten werden von der Protokollführerin vorgenommen, greifbare Konsequenzen scheinen sich für keine der beteiligten Parteien abzuzeichnen. An Samstagen werden im ebenfalls im Berolinahaus befindlichen Standesamt Hochzeiten vollzogen. Ein Paar sitzt im Festsaal, die Köpfe gesenkt, als würde ihm von der lispelnden, sächselnden Beamtin gerade das Todesurteil verlesen, scheue Blicke, kein Lächeln. Draußen im Flur warten bereits die nächsten Delinquenten. Diese letzte Sequenz aus Thomas Heises Film “Das Haus/1984″ ist an Absurdität nicht mehr zu überbieten. Heute erscheint sie grotesk wie von Buñuel inszeniert. Und doch handelt es sich dabei um die ganz normale DDR-Wirklichkeit, wie sie bis zum Herbst 1989 jederzeit zu erleben war. Man braucht sich nur erinnern. Sich diesen Bildern heute auszusetzen bedeutet allerdings scharfen Tobak. Und stellt doch gleichzeitig einen ungeheuren Glücksfall dar. Allein die Tatsache ihrer Existenz grenzt an ein Wunder. Heise, ein Jahr zuvor ohne Abschluss von der Babelsberger Filmhochschule entlassen, geriet gemeinsam mit seinem Kameramann Peter Badel bei der Suche nach filmischer Betätigung an die “Staatliche Filmdokumentation” – eine Institution, die mehr oder weniger strukturlos mit der Archivierung von Alltagsbildern beauftragt war.
    Da es in der DDR für öffentliche Stellen undenkbar schien, dass irgendwer ohne Genehmigung mit einer Filmkamera durch die Gegend lief, gingen die Porträtierten ganz selbstverständlich von offiziell abgesicherten Dreharbeiten aus. Dabei handelte es sich um eine Fall von echter Piraterie, die nur in Ansätzen legitimiert war. Als die Auftraggeber das Material sahen, ließen sie es denn auch stillschweigend in geduldigen Bunkern versenken. Wenigstens wurde es nicht vernichtet. Damit liegt nun ein wichtiges missing link ostdeutscher Kulturgeschichte vor. Ein dringend notwendiges Korrektiv zum Monopol der sonst ausschließlich dominierenden, parteipolitisch abgesicherten Aufnahmen aus Babelsberg und Adlershof.
    TAZ 20.11.20, Claus Loeser


    Der Ostberliner Dokumentarfilmer Thomas Heise begann 1984, einen Film über das Bezirksamt Berlin-Mitte zu drehen. Wer die DDR, Heise und die Ost-Bezirksämter kannte, weiß spätestens nach diesem Satz, dass der Film zu DDR-Zeiten nie fertig gestellt und gesendet wurde.
    Nun, nach siebzehn Jahren, ist er fertig, SFB1 hat ihn gesendet. Allerdings zu einer unfreundlichen Sendezeit, die der Film nicht verdient hat. Sieht man den Film, dann weiß man, warum er in der DDR nie gezeigt wurde. Schon deshalb, weil Wohnungsmangel, Arbeitslosigkeit, soziale und existenzielle Nöte, Altersarmut, Erziehungsprobleme zwar durchaus in der Wirklichkeit, nicht aber in der Selbstdarstellung der DDR vorkamen. Aber auch, weil er ungeschönt den nüchternen Alltag zeigt und eine Atmosphäre einfängt, in der die Stagnation und Resignation in der DDR der 80er mehr als deutlich zu spüren ist.
    Mitte 1984: ein Ostberliner Stadtbezirk, Zentrum in Grenzlage. Die heutigen schicken Szeneviertel: damals noch einfache Wohngebiete, Altbau, schlechte Substanz, Außenklos und Kohleöfen. Das Bezirksamt Mitte damals noch im Berolina-Haus am Alex: In der “Abteilung Wohnungspolitik” beantragte “der Bürger” Wohnungen, jahrelange Wartelisten, die “Planversorgung” kam nicht hinterher. In der Abteilung Soziales beantragten Bedürftige finanzielle Beihilfen. In der Abteilung Innere Angelegenheiten hatten Haftentlassene und sonstige “Problemfälle” vorstellig zu werden, während die Problemkinder und deren (Problem-)Eltern ins Referat Jugendhilfe bestellt wurden. Und auf dem Standesamt wurde sogar in der DDR geheiratet.
    Heises Film ist sehr rhythmisch strukturiert, eine fast strenge Ordnung, die die Szenen zu einer vollendeten Komposition formt. Textinserts gliedern den Film in sieben Wochentage: “Wahlsonntag”, “Bestelldonnerstag” oder “Hochzeitssamstag” heißen die Kapitel. In vieren konzentriert sich Heise auf jeweils eine Abteilung, drei Kapitel (Wahlsonntag, Pfingstmontag, Solidaritätsfreitag) sind stumme Beobachtungen des Geschehens auf dem Alex oder im Haus.
    In den einzelnen Abteilungen sieht man die einzelnen, konkreten “Fälle”: Menschen, die mit ihrem Problem vor einer Angestellten sitzen. Ausschließlich O-Ton. Heises Kommentare beschränken sich strikt auf die teils bissigen Kapitelüberschriften und auf Inserts, die jeden “Fall” abschließen und einen Satz der Sachbearbeiter noch einmal hervorheben (etwa: “Kann ich schon ausradieren”). Peter Badels Kamera bleibt lange auf den Gesichtern, ohne sich an ihnen festzusaugen. Sie beobachtet genau, in langen Einstellungen. Sie ist ruhig, statisch, überlässt die Bewegung meist den Menschen. Der Paternoster mit seinen Insassen fährt an der fixierten Kamera vorbei.
    Heises Film ist spannender als ein Spielfilm, in seinen episodenhaften Geschichten, in seiner Lakonie, die aber nie unbeteiligt wirkt. Allein die Hochzeitsszene, die letzte Episode. Ein Film im Film, Szenen, die sich kaum ein Regisseur getraut hätte zu erfinden. Das Paar, irgendwie einsam, ein bisschen steif, hinter ihm nur leere Stühle. Die Standesbeamtin schleicht vorbei, baut sich vor dem Paar auf, beginnt im leiernden Singsang ihre Rede über Liebe und Ehe, bringt darin auch noch den Beitrag zum Weltfrieden, die sozialistische Moral und die Gesellschaft sowie ein entsprechendes Zeitungszitat unter. Von der Wand schaut Erich herab.
    Dieser Film, schwarzweiß, 16mm: Plötzlich ist für den Ostler alles wieder da. 17 Jahre später wird man genau an das erinnert, was einen an der DDR so verrückt machte: Wie sie ihre Bürger im permanenten Abhängigkeitsverhältnis vom Staat hielt. Hier die Bittsteller, dort der Staat, vertreten durch Angestellte, die Mangel verwalteten und Aufsicht verteilten. Zu viel Bevormundung, zu wenig Wohnungen. Heises Film beschreibt genau dieses Verhältnis und die Lethargie, die sich ausbreitete, und er erzählt gleichzeitig von Menschen, gibt ihnen Gesichter und ihre Geschichte. Er nimmt Anteil – auf ganz stille Weise. Auch ohne Kommentar sieht man, wem Heises Sympathie gehört.
    Man kann diesen Film aus zwei Perspektiven sehen. Zum einen aus der des Jahres 2001, mit dem Abstand von heute. Möglich, dass er dabei auf den West-Zuschauer bloß wie ein Gruselstück wirkt. Wer aus dem Osten kommt, der kann noch einmal die Perspektive von 1984 einnehmen, die, mit der Heise diese Szenen drehte. Dann sieht man, dass es kein Gruselstück ist und keine plakative Anklage. Auf völlig unideologische Weise ist Heises Film ein äußerst wirksames Mittel gegen DDR-Nostalgie.
    epd medien Nr. 98 28.11.2001 Ulrike Steglich


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