NORM. GELD. (1977)

    Transkribiertes Tonband
    1977, VEB Großwaagenbau Brigade „Otto Grotewohl“


    Lehmann, Brigadier
    Günther, Abteilungsleiter
    Henze, Gewerkschaftsvertrauensmann


    Günther
    Vielleicht kann man mal was zur Entlohnung sagen. Es gibt Kollegen, die in Relation zu anderen bei gleicher Leistung unterschiedlichen Lohn erhalten. Nehmen wir mal Klinkert und Schulz.

    Lehmann Bei Klinkert ist es anders. Der kam ja aus der Technologie.
    Günther: Aber der verdient bei einer niedrigeren Normerfüllung mehr als Schulz mit seiner höheren Leistung, und das bei derselben Arbeit.

    Henze Unsere 100 heute war vor der Einführung des persönlichen Leistungslohns vielleicht 120. Klinkert ist neu eingestiegen mit 100. Er hat noch keine Leistung in dem Sinne gebracht. Jetzt hat er, wenn er seine 100 hat, mehr in der Tasche. Weil unsere 100 eigentlich 120 ist, aber 100 heißt.

    Günther Das hängt von der Einführung der neuen Lohnform und der relativen Steigerung der Normerfüllung vom Zeitpunkt der Normerfüllung beider Kollegen ab. Schulz hatte schon seine höchstmögliche Steigerung erreicht und damit ein bestimmtes Geld gehabt. Klinkert war zu dem Zeitpunkt der Einführung der neuen Lohnform noch am Anfang seiner Leistungssteigerung und hat dann nach etwa einem Jahr diese um 10% gegenüber dem Anfang steigern können und hat nun mehr Geld als der ältere, erfahrenere und bessere Kollege, der auch intensiver arbeitet. Man müsste dem Kollegen Klinkert klarmachen, dass er nicht auf die Kosten der anderen Kollegen leben kann. Hier müsste meiner Meinung nach eine Auseinandersetzung innerhalb der Brigade stattfinden. Das Kollektiv muss mithelfen, dem Kollegen klarzumachen, dass er für seine geringere Leistung zuviel Geld bekommt.

    Henze Das ist ja unser Ärger. Es gab Brigaden, die haben über Jahre 100% abgerechnet. Wir haben immer 120% oder mehr gemacht. Nun wurde die neue 100 festgesetzt. Das waren bei uns unsere 120%. Und wenn wir jetzt steigern wollen, um 1% meinetwegen, das fällt uns dann schwer, wirklich schwer, weil wir schon an unserer Leistungsgrenze sind.

    Lehmann Praktisch sind die bestraft worden, die mehr Leistung erbracht haben. Klar wird darüber gesprochen, aber allzu viel Einfluss haben wir nicht. Wir können nicht den Kollegen anhauen und sagen, Kalle, du verdienst zuviel. Geh‘ mal rauf und lass deine Norm auf 120 festsetzen, damit du mit uns gleichziehst. Der guckt mich doch an und sagt, du hast was an der Birne. Das kann nur von oben kommen.

    Günther Im Prinzip hast du Recht. Aber ist es nicht ein Aufgabe der Brigade, jedem klarzumachen, dass er für sein Geld eine entsprechende Leistung zu bringen hat? Ich will doch nicht, dass Klinkert weniger verdient. Ich will nur, dass er eine höhere Leistung bringt und dass sich die Brigade mit ihm auseinandersetzt. So, dass er zum Schluss sagt, ich sehe ein, dass ich genauso viel tun muss wie meine Kollegen auch.

    Lehmann Da sollen wieder die Kollegen machen, was von oben versaubeutelt wurde. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, und jetzt sollen wir mit den Kollegen… Das geht gar nicht.

    Günther Ich bin der Meinung, dass es besser wäre, wenn dieser Klärungsprozess von unten erfolgt. Dann wäre das in Ordnung. Dann hätte die Brigade Erziehungsarbeit geleistet.

    Lehmann Bist du davon überzeugt, dass der Klinkert die gleiche Arbeit in der gleichen Zeit machen könnte wie der Kollege Schulz?

    Günther Könnte er, ohne dass er mit den Hasen auf der Bank liegt. Das ist der springende Punkt. Das wollen wir doch nur, dass nämlich jeder Kollege, entsprechend seinen Fähigkeiten, das Maximale leistet, seine Arbeitsproduktivität steigert. Das ist ein Erziehungsprozess. Das ist natürlich schwierig, sehe ich ein. Uns geht es nicht darum, dem Kollegen weniger Geld zu geben, sondern dem zu sagen, der Schulz nebenan, wenn der bei 130% 5,30 Mark verdient und du willst für 120% 5,35 Mark bekommen, dann ist das nicht in Ordnung. Wir sind davon überzeugt, du kannst gut und gerne noch 10% mehr leisten. Mach‘ das, und dafür sollst du dann auch deine 5,35 Mark haben.

    Pause.

    Lehmann Man muss aber auch sagen, dass bei uns Arbeitskräfte fehlen, dass wir für die fehlenden Kollegen mitarbeiten müssen. Dann kommt auch noch Krankheit dazu. Dann ist es sechs, ehe du zu Hause bist. Dann isst du Abendbrot, dann guckst du noch ‘ne Stunde in die Röhre, dann fallen dir die Augen zu, dann gehst du ab ins Bett. So ist der Rhythmus.

ImpressumPowered by WordPress; Template by Sebastian Wagner